Alt-Hietzinger

MIT KONZILIANZ UND EHRLICHEM BEMÜHEN
OSKAR WEIHS
Agrarfachmann
(* 19. April 1911 Wien, + 8. Februar 1978 Wien)

Der Sohn eines Juristen der Finanzlandesdirektion besuchte ab dem Schuljahr 1921/22 das Hietzinger Gymnasium in der Fichtnergasse. Er war der Älteste von drei Brüdern. Oskar Weihs war nicht gerade ein hervorragender Schüler, hat aber in späteren Jahren immer sehr liebevoll seiner Jahre der humanistischen Ausbildung gedacht. Nach seiner Matura 1929 studierte er an der Hochschule für Bodenkultur und beendete 1935 seine Ausbildung mit einer Doktorarbeit über die Rolle der Bakterien in Milch und Milchprodukten. Diese Arbeit offenbart seine große Neigung für Biologie, der er in seiner Freizeit gerne huldigte. Im letzten Studienjahr hatte er noch eine kurze Berufspraxis auf einem ungarischen Gut absolviert.
Nach seiner Promotion erhielt er eine Anstellung bei der Wiener Molkerei, deren Wirtschaftshof er übernahm. Er wandelte diese Schweinezucht zu einem Musterbetrieb um. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, war Weihs seinen Job in Wien los. Er übersiedelte in die Steiermark, wo er in Graz beim Reichsverband für Milch- und Fettwirtschaft eine Anstellung fand. Durch seine profunde Fachkenntnis erwarb er sich den Ruf eines agrarischen Technokraten. Zur Ausarbeitung eines Konzepts einer reichseinheitlichen Milchmarktordnung wurde er sogar nach Berlin geholt. Oskar Weihs war seit 1938 verheiratet, seine Gattin Erika hatte er auf einer Ballveranstaltung kennen gelernt. Das Ehepaar hatte einen Sohn und eine Tochter.

Im April 1940 benötigte das Dritte Reich jedoch mehr Soldaten als Agrarfachleute, Oskar Weihs wurde zum Militär eingezogen. Das Kriegsende erlebte er als Fallschirmjägerleutnant am Ostufer der Elbe. Verletzt rettete er sich schwimmend ans andere Ufer, um der russischen Gefangenschaft zu entgehen. Von schottischen Truppen in Kriegsgefangenschaft genommen, hungerte er einige Wochen in einem Lager in der Lüneburger Heide. Von dort kehrte er auf abenteuerlichen Wegen - das Eisenbahnnetz funktionierte nur streckenweise - wieder nach Graz zurück. 

Seine ehemalige Dienststelle befand sich zwar in Liquidation, aber die Grazer Arbeiterkammer konnte einen Agrarexperten gut gebrauchen. Weihs war schon 1946 der Sozialistischen Partei beigetreten, wobei dafür seine Erfahrungen im Februar 1934, als er überraschend in eine Schießerei geraten war, und vor allem seine von Humanismus bestimmte Grundhaltung ausschlaggebend waren. Die SPÖ der Steiermark nominierte ihn 1959 im Wahlkreis Graz für den Nationalrat. Bald wurde der junge steirische Agrarfachmann erster Agrarsprecher der Partei, die ja sonst auf diesem Fachgebiet nicht gerade von Spezialisten überlaufen war. Der einzige Agrarpolitiker der Sozialdemokraten war eigentlich der seinerzeitige Parteitheoretiker Otto Bauer, der immerhin 1925 ein Agrarprogramm der Sozialdemokraten geschrieben hatte, das bis 1969 unverändert im "Wiener Programm" der SÖ™ Aufnahme fand.

Auf die Zeit seiner Arbeit im Parlament ging auch die Freundschaft mit Anton Benya zurück, der ihn oft als Ratgeber in agrarischen Fragen konsultierte. Es war auch Anton Benya, der Bruno Kreisky vorschlug, Weihs mit dem Landwirtschaftsressort zu betrauen, nachdem der ersternannte Hans Öllinger wegen seiner Zugehörigkeit zur SS für die Partei schon nach wenigen Wochen Ministerschaft untragbar geworden war. 

Weihs brachte in das Landwirtschaftsressort, das seit 1945 eine Domäne des ÖVP-Bauernbundes gewesen war, einen völlig neuen Stil ein, der Minister schätzte Teamarbeit, eliminierte unnötige Hektik und erwies sich als einfühlsamer und daher von seinen Beamten sehr geschätzter oberster Chef. 

Die Position von Weihs in Kreiskys Kabinett war sicherlich keine leichte, die Sozialdemokratie erwartete von ihm, dass er die Bauernschaft für die linke Reichshälfte gewinne, die Opposition kritisierte ihn wegen mangelnder Langzeitperspektiven zur Lösung der Probleme der Agrarwirtschaft. Tatsächlich konnte er nur gießkannenartig Subventionen verteilen, um die agrarischen Überschussproduktionen mühsam abzubauen. Die Finanzpolitik seines Kollegen Hannes Androsch, den er übrigens recht gerne mochte, sah keinen größeren Spielraum vor. Bei der Bauernschaft begegnete er einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber einem sozialistischen Bauernpolitiker, die Bauern hielten die SPÖ grundsätzlich für eigentumsfeindlich. 

Einer der Hauptstreitpunkte war vor allem die Entwicklung des bäuerlichen Einkommens, das immer hinter den allgemeinen Entwicklungen nachhinkte. Während Weihs' Ministerschaft (Mai 1970 bis September 1976) wuchs das bäuerliche Einkommen um 28 %, doch die Preise für Gebrauchsgüter stiegen noch mehr. Weihs versuchte seine Agrarpolitik zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Arbeiterkammer und Landwirtschaftskammer in einer mühevollen Gratwanderung durchzusetzen. Wenn beide gleichzeitig auf ihn böse waren, meinte er, dass er mit seinen Entscheidungen wohl richtig lag.

Als eleganter Grandseigneur, Opernliebhaber und charmanter Gesprächspartner war er auch in internationalen Gremien sehr beliebt, mit dem bundesdeutschen Landwirtschaftsminister Josef Ertl verband ihn eine gute Freundschaft. Der FDP-Politiker meinte, dass er wohl der einzige "Sozi" wäre, der etwas von Agrarpolitik verstünde. 

Seine größte Enttäuschung war wohl Kreiskys zunächst kryptische Ankündigung, einen Staatssekretär für Bergbauernfragen zu ernennen. Es war nämlich gerade diese Frage, der er besonders viel Aufmerksamkeit schenkte. Er hatte zwar bei Kanzler Kreisky schriftlich deponiert, sehr gut auf einen Staatssekretär verzichten und allein mit den Aufgaben des Ressorts fertig werden zu können, doch Kreisky gab seine Idee nicht auf. Weihs wusste genau, dass die Bergbauern, deren Zahl ständig sank, als Landschaftsbewahrer für den Tourismus wichtiger waren als für die Lebensmittelproduktion. 

Als Kreisky doch mit Juli 1974 den Direktor der Bundesforste Günter Haiden zum Staatssekretär bestellte, empfand er dies als Misstrauenskundgebung. Auch sein politischer Widerpart, der Bauernbündler Hans Lehner, assistierte ihm in dieser Frage: "Weihs konnte sich beim Bergbauernprogramm nicht durchsetzen, weil er Mittel nicht bekommen hat." Weihs nahm die Erreichung seines 65. Lebensjahres im Jahre 1976 zum Anlass, um sich aus der Regierung zurückzuziehen.

Leider blieben ihm danach kaum zwei Jahre vergönnt, in denen er sich seinen Neigungen er war ein großer Opernliebhaber, der besonders Richard Wagner schätzte - widmen konnte. Ein Biologiestudium, wie er immer erträumt hatte, konnte er nicht mehr beginnen.


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