Alt-Hietzinger

BAUEN FÜR DEN MENSCHEN
GEORG LIPPERT
Architekt   (* 27. Jänner 1908 Wien, + 14. Oktober 1992 Wien)

"Die Sehnsucht nach dem Schöpferischen
führt zur Ahnung des richtigen Weges."

Georg Lippert stammt mütterlicherseits aus einer Tiroler Familie. Sein Großvater, Eduard Ritter von Kindinger, war im kurzlebigen Kabinett des österreichischen Ministerpräsidenten Manfred Clary-Aldringen etwa zehn Wochen lang Justizminister. Sein Großvater väterlicherseits stammte aus Mailand. Sein Vater war Jurist; er starb schon kurz vor der Geburt des Sohnes. Die Mutter erzog ihn und die beiden Schwestern unter sehr schwierigen Bedingungen. Dennoch gelang es ihr, in der Familie eine Atmosphäre von Geborgenheit und Offenheit mit regen gesellschaftlichen Kontakten zu schaffen.
Nach Absolvierung der Volksschule besuchte Georg Lippert ab dem Schuljahr 1919/20 das humanistische Gymnasium in Wien XIII., Fichtnergasse 15. Die erste Klasse schloss er vorzeitig mit Vorzug ab und trat darauf einen mehrwöchigen Erholungsaufenthalt in Schweden an. Wie viele der nach dem Ersten Weltkrieg schwer unterernährten Wiener Großstadtkinder kam er in den Genuss einer solchen Einladung. Bis zur achten Klasse blieb Georg Lippert ein guter Schüler; er maturierte im Sommer 1927. Auf die im Hietzinger Gymnasium vermittelte humanistische Bildung berief er sich später immer wieder.

Anschließend studierte er an der Technischen Hochschule (heute TU) Wien Architektur und erwarb 1931 das Ingenieurdiplom. Aus Interesse und auch aus Mangel an Arbeitsangeboten - in den dreißiger Jahren gab es in Österreich mehr als 600.000 Arbeitslose - setzte er seine Ausbildung von 1931 bis 1934 an der Akademie der bildenden Künste in Wien in der Meisterschule von Professor Clemens Holzmeister fort. 1934 erhielt er gemeinsam mit Kurt Klaudy seinen ersten Auftrag, nämlich die Pfarrkirche St. Hubertus und St. Christophorus im 13. Wiener Gemeindebezirk; sie wurde 1936 fertig gestellt. 

Der Tod seiner von ihm sehr geliebten und geschätzten Mutter im Jahre 1938 bedeutete einen tiefen Einschnitt in seinem Leben.

Zwischen 1936 und 1945 besaß Georg Lippert gemeinsam mit Kurt Klaudy ein vorerst sehr bescheiden eingerichtetes Atelier Am Heumarkt 7, das er ab 1945 als Alleininhaber weiterführte. Die Phase seiner intensivsten Bautätigkeit lag zwischen 1950 und 1980, als sein Architekturbüro zeitweise mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigte. Ab 1952 unternahm Georg Lippert zahlreiche Vortrags- und Studienreisen in Europa, nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Afrika. 1962 wurde er in den Fachbeirat für Stadtplanung der Stadt Wien berufen, dessen Vorsitz er von 1963 bis 1974 innehatte. Ab 1978 befasste sich sein Atelier vorrangig mit Stadterneuerung, Stadtgestaltung und Wohnen, Gesundheitswesen und Industrieanlagen.

Georg Lipperts Leben war geprägt von Selbstdisziplin, hohen Anforderungen an sich selbst und kritischer Betrachtung von Umgebung im weitesten Sinne. Als wacher Beobachter gelangen ihm treffende Analysen gesellschaftlicher Phänomene: "Im höchsten Ansehen ist [...] Reproduktion, Darstellung und Wiedergabe, Information [...]. Im 20. Jahrhundert wird der Namenlose, auch wenn er nichts hervorbringt, beachtet und geschätzt - wenn er nur ein `Kaufender' ist."

Ausgleich zur konzentrierten Arbeit schenkte ihm das Empfinden für Musik, Literatur und bildende Kunst. Eigene Malversuche gingen über das rein passive Erleben hinaus, steigerten die Qualität der Architekturzeichnungen. 

Ein kritischer und unbequemer Mahner fordert selbst Kritik heraus, ein umfangreiches Werk bietet immer auch Angriffsflächen. Umso wesentlicher sind dauerhafte, belebende und stützende menschliche Kontakte. Georg Lippert pflegte viele Freundschaften mit Berufskollegen, Künstlern, aber auch mit öffentlich völlig unbekannten Menschen, wenn sie "etwas zu sagen hatten". Zu seinen Freunden zählten u. a. die Architekten Alvar Aalto, Erich Boltenstern, Clemens Holzmeister, Walter Jaksch, Ernst Lichtblau, Richard Neutra, Otto Schönthal, die Maler Oskar Kokoschka, Karl Plattner und der Bildhauer Gustinus Ambrosi.

In seiner letzten Lebensphase sind aus Aufzeichnungen Georg Lipperts Hinweise zu erkennen, die einem reichen und ausgesetzten Leben Ruhiges und Versöhnliches hinzufügen: "Ich möchte noch älter werden - die Schlachten dieses langen Lebens abzubauen und Gutes zu tun."

Grundlegende, durchgehende Wesensmerkmale in der architektonischen Arbeit Georg Lipperts sind die Verbindung von Zweckmäßigem mit dem Humanen - dem menschlichen Maß, das Bestreben, Neues und Altes in wohlausgewogener Atmosphäre zu verbinden, einfach und klar der gestellten Aufgabe zu dienen. Eine klassische, bisweilen fast archaische Formensprache ohne Verspieltheit und Effekt zeugt von seinem Bemühen um Zeitloses. In den keiner Mode unterworfenen Grundformen soll allgemein Verbindendes erkennbar sein.

Ein weiteres zentrales Anliegen war das harmonische Einordnen des Bauwerkes in Landschaft und Stadtraum. Nicht Ästhetizismus soll die Gestaltung bestimmen, sondern Brauchbarkeit: " [...] wenn dieser [Bewohner] sich in seinem Haus nicht wohl fühlen kann, bleibt es ein Monstrum - wenn es noch so schön aussieht."

Die großen Vorbilder Lipperts waren Heinrich Tessenow und Alvar Aalto, der postulierte, dass die Architektur dem Menschen zu dienen habe und "[...] dass die richtigen Formen nicht von ungefähr den klassischen Grundsätzen entsprechen."

Ein zwischen 1966 und 1971 ausgeführter Bauauftrag in Lausanne, der dort einen deutlichen städtebaulichen Akzent setzte, war für Georg Lippert der Beginn einer intensiven Auseinandersetzung mit Stadtplanung und Stadterneuerung, die sein weiteres Arbeitsleben mitbestimmen sollte. Auch hier formulierte er immer wieder die Grenzen des menschlichen Planens im Sinne von Rücksicht auf gewachsene Strukturen: "Der Architekt betrachtet sein Gebäude unabhängig von der Umgebung als 'abstrakte Komposition', aber sein allzu persönliches Entwerfen wirkt für das städtebauliche Ganze schädlich."

Stadt ist als ein lebendes, soziales Gefüge zu sehen, das sich in ständigem Wandel befindet. Stadtplanung soll durch ein Gremium verschiedener Fachleute geschehen, Stadtgestaltung im Detail soll dem Architekten überlassen werden.

Noch vor der Realisierung der ersten Fußgängerzone in Wien forderte Georg Lippert autofreie Bereiche als Ruhezonen im Stadtgefüge. Bezugspunkte und auf sie ausgerichtete Wegführungen sollen sinnhafte Strukturen bilden. Durch Revitalisierung bestehender Stadtteile und Gebäude "[...] bietet sich die Chance, nicht nur zeitgemäße, sondern vielfach bessere Wohnungen zu erhalten als in Neubauten."

Die langjährige ehrenamtliche Tätigkeit im Fachbeirat der Stadt Wien war für Georg Lippert eine Chance, seine Vorstellungen über Stadtgestaltung einzubringen, zum Teil auch selbst zu realisieren. In den letzten Lebensjahren korrespondierte er mit dem Prince of Wales über Städtebau.

Seine vornehmste Aufgabe sah Georg Lippert in der Planung von Sakralbauten - hier liegen auch besonders geglückte Ergebnisse vor. Für diese Bauwerke, aber auch für vieles von seinem Gesamtwerk kann die von ihm selbst formulierte Feststellung gelten: "Je bedeutender sie [die Gestaltung] dem Inhalt nach ist, desto einfacher, klarer wird die äußere Form, desto geordneter das Einzelne im Ganzen.


Wichtige Bauwerke:

1935/36
Pfarrkirche St. Hubertus und St. Cristophorus in 1130 Wien, gemeinsam mit Kurt Klaudy; praktische Ausführung unter engagierter Mithilfe der Architekten und des Pfarrers Anton Schrefel
1934-39
Einige Einfamilienhäuser und Industrieanlagen
1936-39
Jagdschloss für den bulgarischen König Boris III. im Naturpark Krizim bei Plovdiv mit Einbeziehung der Innengestaltung
1939-45
Industrieanlagen und Werksiedlungen in Österreich, der Tschechoslowakei und Deutschland
1946-57
Dominikanerkirche Graz-Münzgraben. Erster Preis bei einem Wettbewerb für einen Neubau an der Stelle einer im Krieg zerstörten Barockkirche. Erweiterung des Baues durch das "Rosarium" mit Marienkapelle
1947
Planungsbeginn der Wohnhausanlage "Hugo Breitner-Hof" der Gemeinde Wien in 1140 Wien. Berücksichtigung von Verbindung zwischen Baukörpern und Erholungsräumen. Bauabschluss 1952
1947-50
Diverse Wiederaufbauten
1948
Eigenes Wohnhaus in 1130 Wien, Ober St. Veit. Selbst entworfene Details der Innengestaltung
1953
Museum und Bildhaueratelier Gustinus Ambrosi in 1020 Wien-Augarten. Drei Bauteile (Wohnung, Atelier, Museum) umschließen einen Gartenhof
1954
Planung eines Opernhauses in Addis Abeba (Abessinien), nicht ausgeführt
1956
"Opernringhof" an der Stelle des 1863 von Theophil Hansen errichteten und im Krieg zerstörten "Heinrichshofes", Zusammenarbeit mit Carl Appel
1959-61
Verwaltungsgebäude der Bundesländer-Versicherung in 1020 Wien; erstmals Verwendung einer "Curtain wall", vollklimatisierte Großraumbüros
1962
Landhaus am Mondsee, Oberösterreich. Kostengünstiger Bau für eine große Familie
1964
"Kennedy-Hof". Die prominente Umgebung (Stephansdom und Erzbischöfliches Palais) erforderte eine zurückhaltende Formensprache
1964
Pfarrkirche hl. Franz von Sales, Wien-Süd, in Schalbeton und Sichtziegelmauerwerk
1965
Semperit-Zentrum Wien, Zusammenarbeit mit Otto Mayr, Figurengruppe von Joannis Avramidis
1965-67
Labor- und Verwaltungsgebäude von Hoffmann-La Roche in 1030 Wien, Stahlbetonskelettkonstruktion mit Aluminiumfassade auf Sockel in Naturstein. Leicht und transparent wirkender Bau mit besonders gelungenen Maßverhältnissen
1966-71
Champ d'Asile, Lausanne: Wohnhausgruppe auf einem hügeligen, parkähnlichen Gelände. Drei Hochbauten akzentuieren die Silhouette der Stadt
1968
Kloster Kleinhöflein, Burgenland; Provinzhaus mit Schule
Kloster St. Rafael mit Heim für debile Kinder in 1110 Wien, Simmering
1969-75
Dianazentrum in 1020 Wien am Donaukanal (IBM, Dianabad, Raiffeisen, OPEC)
1971
Wettbewerbsbeteiligung für die Gestaltung des Karlsplatzes in Wien; Entwurfsankauf
1972
St. Nikolauskirche in Pernitz/Niedersterreich. Kirchenneubau mit Einbeziehung des gotischen Chores aus dem Vorgängerbau
1972
Landhaus Völs am Schlern, Südtirol
1973
Winterthur-Haus am Karlsplatz, Wien. Umstrittener Bau zwischen Karlskirche und Historischem Museum der Stadt Wien
1973
Studentenheim "Panorama" in Wien, Brigittenauer Lände. Gestuftes, sich nach oben hin verjüngendes Hochhaus mit Terrassenanbauten
1978
Verwaltungsgebäude der Austrian Airlines in Wien Oberlaa. Durch die Geschlossenheit der Anlage und durch die Beschränkung der Bauhöhen Einordnung in die noch weit gehend ungestörte Landschaft
1980-83
Verwaltungsgebäude Mobil Oil Austria AG in 1010 Wien, Schwarzenbergplatz. Neubau an der Stelle eines 1944 durch Bomben zerstörten Gebäudes mit Wiedererrichtung der alten Fassade. Bauteil in der Lothringerstraße in neuzeitlicher Gestaltung mit Rücksicht auf die Formensprache des Historismus
1986
Direktion und Verwaltung der Immuno AG in 1220 Wien, Industriestraße/Lange Allee. Kombination von Mauer- und Glasfassade
1988
Wiederinstandsetzung des Deutschmeisterpalais an der Wiener Ringstraße für "The Opec Fund"
1989
Eingangsgebäude des AKH in Wien. Von oben belichtete Halle mit auf halber Höhe eingezogenen Verbindungsgängen
1989
Baubeginn für "Kärntnerringhof" in 1010 Wien. Planung gemeinsam mit Wilhelm Holzbauer
nach 1989
Immuno AG Bauteil II und III; diverse Industrieanlagen.


Gerhard Weissenbache

Tassilo Antoine

Raoul Aslan

Fritz Bock

Franz David

Heinrich Demelius

Eduard Hartmann

Jakob Kastelic

Otfried Krzyzanowski

Georg Lippert

Herbert Mitscha-Märheim

Hermann Obermayer

Richard Übelhör

Oskar Weihs

Leopold Zobel

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