Alt-Hietzinger

DEM BODEN VERBUNDEN
HERBERT MITSCHA-MÄRHEIM
Archäologe und Gutsbesitzer  (* 7. Februar 1900 in Wien, + 8. Dezember 1976 Wien)

Bis zu seinem Eintritt in das k. k. Staatsgymnasium in Hietzing im Herbst 1910 war der Sohn des k. u. k. Botschaftsrates Hermann Mitscha-Märheim auf dem elterlichen Gut in Ebendorf bei Mistelbach aufgewachsen und hatte hier seine erste Ausbildung als Privatist - so nannte man damals den Unterricht durch Hauslehrer oder Elternhaus - erhalten. Die Familie war schon Generationen an diesem Ort ansässig, Herberts Urgroßvater hatte die erste Raiffeisenkasse im Ort gegründet. Der Großvater Josef Mitscha-Märheim war Rechtsanwalt, Direktor des Wiener Bankvereines und Landtagsabgeordneter in Niederösterreich. Der Vater Hermann, 1910 bereits in Pension, bewirtschaftete das Familiengut. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte er wieder in das Ministerium des Äußern zurück und leitete zuletzt als Gesandter die "Interministerielle Kommission beim k. u. k. Kriegsministerium in Wien". 
Ab 1918 widmete er sich ausschließlich der Verwaltung des Gutes. Herberts Mutter, eine geborene Bertha von Hardt, entstammte einer traditionsreichen Beamtenfamilie. Ihr Vater, Emil Ritter von Hardt, beendete seine Berufslaufbahn als Sektionschef im Handelsministerium. Der Urgroßvater mütterlicherseits war der k. k. Minister für Kultus und Unterricht Carl von Stremayer.

Die Umgebung von Ebendorf, das ostösterreichische Marchfeld, ist ein geschichtsträchtiger Boden. In dieser Gegend fand nicht nur die legendäre Schlacht zwischen dem Premysliden Ottokar und dem Habsburger Rudolf um das österreichische Erbe statt, sondern diese Region war schon in ältesten Zeiten besiedelt. Hier an dem wichtigen europäischen Handelsweg, der Bernsteinstraße, hatten zahlreiche Völkerschaften im Boden ihre Spuren hinterlassen. 

Als der Knabe in Wien das Gymnasium besuchen sollte, mieteten die Eltern eine Wohnung im Westen der Stadt, in der Linzerstraße 440. Für den Schüler war daher täglich ein weiter Schulweg zurückzulegen. Hermann war immer ein glanzvoller Schüler, der fast jedes Schuljahr mit einem Vorzugszeugnis abschloss. Mit seinen Klassenkollegen, mit denen er auch in späteren Jahren Kontakte aufrecht erhielt, hatte er immer ein gutes Verhältnis. Von wilden Streichen und extremen Verstößen gegen die Pflichten des Schulalltages weiß die Schulchronik über Hermann Mitscha-Märheim nichts zu berichten. Er war immer ein pflichteifriger und unauffälliger Schüler, sehr brav und zurückhaltend. Wie ernst er seine Pflichten als Schüler nahm, macht eine Erzählung seiner Tochter deutlich: Noch als erwachsener Mann wurde er immer wieder von einem bösen Schultraum heimgesucht. Er fürchtete bei der Matura in Mathematik - offenbar nicht sein Lieblingsfach - durchzufallen.

Nach Ablegung der Kriegsmatura im März 1918 musste er noch zum Feldartillerie-Regiment Nr. 104 einrücken und besuchte während des Sommers die Offiziersschule der k. u. k. Feld- und Gebirgsartillerie in Hajmásker in Ungarn. Noch vor seinem Einsatz an der Front, ging der Krieg zu Ende. 

So konnte er noch im November 1918 an der philosophischen Fakultät der Universität Wien inskribieren. Er wählte als Hauptfach Österreichische Geschichte und im Nebenfach Urgeschichte. Doch schon bald trat die Urgeschichte in den Vordergrund, die allgemeine österreichische Geschichte wurde zum Nebenfach degradiert. Außerdem hörte er noch Vorlesungen an der Hochschule für Bodenkultur, was für sein späteres Leben noch sehr wichtig werden sollte.

Nach seiner Promotion im Dezember 1922 absolvierte er noch eine längere Praxis auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Mähren. Anschließend arbeitete er als unbesoldeter Universitätsassistent am Institut für Urgeschichte. Schon mit Beginn 1924 übernahm er die Leitung der kulturwissenschaftlichen Abteilung des niederösterreichischen Landesmuseums, wo er sich in Fortsetzung der Tradition Oswald Menghins vor allem den urgeschichtlichen und archäologischen Sammlungsgebieten und vor allem den Feldgrabungen widmete. 

Außerdem bewirtschaftete er den Familienbesitz in Ebendorf, wo die Familie immer den Sommer verbrachte. Zeitlebens war er stolz, neben seiner wissenschaftlichen Laufbahn auch auf seine erfolgreiche Tätigkeit als Landwirt hinweisen zu können. Herbert Mitscha-Märheim war seit 1927 mit Martha Heissenberger verheiratet, aus dieser Ehe stammen zwei Töchter und ein Sohn. 

Als Wissenschaftler konzentrierte sich Mitscha-Märheim auf das erste Jahrtausend nach Christi Geburt, er war einer der Ersten, der sich der so genannten Mittelalterarchäologie verschrieb. Hatte man ursprünglich unter archäologischen Ausgrabungen nur Funde der frühen Epochen der Menschheit, aus denen nur sehr wenige schriftliche Zeugnisse überliefert sind, verstehen wollen, so wandte sich die Archäologie - auch unter Ausnutzung neuer technischer Errungenschaften - immer mehr den Ausgrabungen zu den so genannten "dunklen Jahrhunderten", d. h. den Epochen der Völkerwanderungszeiten, zu. 

Eine der ersten Arbeiten Mitscha-Märheims beschäftigte sich mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft, das 1927 fertig gestellte Werk "Der Oberleiserberg" wurde in den "Mitteilungen der Prähistorischen Kommission" der Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. Im Zusammenhang mit seiner amtlichen Tätigkeit im Museum wurde er auch vom Bundesdenkmalamt zum Konservator für das Fundwesen in Gänserndorf und Mistelbach, also seiner unmittelbaren Heimat, ernannt. Zudem begann er sich für Geschichte der Völkerschaften, die im ersten Jahrtausend das Marchfeld bewohnten, zu interessieren. Die Bodenfunde boten reichliches Material zur Geschichte der Germanen, Awaren und Slawen. Schon 1925 beschrieb er ein germanisches Gräberfeld in Mistelbach. 

Doch leider musste er 1927 seinen Dienst im Landesmuseum quittieren, da sein Vater in diesem Jahr nach einer Operation verstorben war und das Familiengut eines kundigen Verwalters bedurfte. Wenn es ihm seine Zeit erlaubte, führte Mitscha-Märheim seine Forschungen fort, wobei er in der Genealogie ein neues, ihn faszinierendes Feld entdeckte. Er begann über die Herren von Krumbach zu forschen, aber auch über die Geschichte der eigenen Familie. In diesen Jahren katalogisierte er die Privatsammlung von Gräfin Coudenhove-Kalergi in Zseliz (Grantal), wobei er den Begriff "Zselizer Kultur" neu in die Fachsprache der neolithischen Forschung aufnahm. Immer wieder verbrachte er Monate bei Ausgrabungen im Feld, 1938 wurde er sogar bei Freilegung des Awarenfriedhofes in Mistelbach verschüttet. 

Während des Zweiten Weltkrieges publizierte er "Die frühmittelalterlichen Gräberfunde von Mistelbach", doch die Führung der Landwirtschaft und schließlich die Auswirkungen des Krieges ließen ihm keine Zeit für die Wissenschaft. 1944 wurde er zum Volkssturmführer in Mistelbach bestellt, wobei er nur alte Männer und ganz junge Burschen befehligen sollte. Als er schnell einsah, dass sich der Krieg dem Ende zuneigte, mit unausgebildeten Leuten nichts mehr zu erreichen war, diese aber bei der Feldarbeit daheim fehlten, schickte er sie auf eigene Verantwortung nach Hause. Er wurde noch zur Wehrmacht als Stabsoffizier in die 25. Panzerdivision geholt, wo er am 9. Mai 1945 in Südböhmen in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Seine Familie war inzwischen nach Westösterreich evakuiert worden. Nach Entlassung aus der Gefangenschaft traf er seine Familie auf dem Treck, der heimwärts zog und sie suchten ein vorläufiges Unterkommen bei seiner Schwester in Murau. 

Es dauerte noch Monate, bis die Familie nach Ebendorf zurückkehren konnte. Das Haus war völlig geplündert, die Erträgnissen von Jahren der Forschung und wertvolle Familienpapiere zerstört worden. Endlich erhielt Mitscha-Märheim wieder die Verfügungsgewalt über sein Besitztum und konnte sich an den Wiederaufbau machen.

Erst zu Beginn der fünfziger Jahre nahm er seine wissenschaftlichen Arbeiten wieder auf und habilitierte sich 1951 mit der Arbeit "Die Herkunft der Baiern". Er wollte sein Forschungsgebiet und die damit verbundene Venia legendi als "Frühgeschichte Europas" bezeichnet wissen, doch die Universität konnte sich damit noch nicht recht anfreunden. So lautete zunächst die Bezeichnung für sein Habilitationsverfahren "Nichtrömische Archäologie des 1. Jahrtausends in Mitteleuropa", womit jedenfalls genau beschrieben war, in wessen Revier er nicht eindringen durfte. Trotzdem institutionalisierte er mit seiner Lehrtätigkeit eine neue Disziplin an der Wiener Universität. Herbert Mitscha-Märheim hatte nicht sehr viele Studenten, doch seine Schüler - erwähnt seien Falko Daim, Herwig Friesinger und Johannes-Wolfgang Neugebauer - prägen heute die Forschungen dieses Spezialbereiches sowohl an der Wiener Universität als auch im Bereich der Akademie der Wissenschaften und im Bundesdenkmalamt. So großartige Grabungskampagnen und instruktive Rekonstruktionen wie slawische Siedlung auf der Schanze von Thunau gehen auf seine Anregungen zurück. Vieles davon floss in die auch in Wien gezeigte Ausstellung über das "Großmährische Reich" ein. 

Von der langen Reihe seiner wissenschaftlichen Arbeiten - es waren insgesamt 167 Publikationen - seinen noch hervorgehoben: Die Ergebnisse seiner Grabungen im Leithagebirge, erschienen 1957 unter dem Titel "Der Awarenfriedhof von Leithaprodersdorf". Quasi als Zusammenfassung seiner reichen Ausgrabungs- und Forschungsarbeiten schrieb er das erfolgreiche Werk "Dunkler Jahrhunderte goldene Spuren", das 1963 herauskam. Drei Jahre später folgte ein wichtiges Werk zu einem weiteren frühmittelalterlichen Thema: "Archäologisches und Historisches zur Slawensiedlung in Österreich".

Herbert Mitscha-Märheim gehörte zahlreichen gelehrten Gesellschaften als Mitglied an, wie etwa der Wiener Prähistorischen Gesellschaft, der Anthropologischen Gesellschaft und dem Verein für Landeskunde von Niederösterreich. 1963 wählte ihn die Österreichische Akademie der Wissenschaften zum korrespondieren Mitglied. Es folgten zahlreiche Ehrungen und Ehrenmitgliedschaften, die er gerne entgegennahm, die ihm aber nicht viel bedeuteten. 1970 wurde ihm vom Bundespräsidenten das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen. Seine späten Lebensjahre waren von einer zunehmenden Verschlechterung seines Augenlichts überschattet, was ihm weitere Forschungsarbeiten unmöglich machte. 

Isabella Ackerl


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