Alt-Hietzinger

100 Jahre Fichtnergasse

 

 
Wenn aus Anlaß des 90 jährigen Bestehens des Hietzinger Gymnasiums versucht werden soll, die Ereignisse fast eines Jahrhunderts darzustellen, wird man sich - 10 Jahre vor dem Zentenarium - auf das Wesentliche zu beschränken haben: auf die Geschichte eines 90 Jahre im Dienste der humanistischen Bildung stehenden Wiener Gymnasiums. Neben anderen bedeutenden humanistischen Bildungsstätten Österreichs darf sich auch das Hietzinger Gymnasium in besonderer Weise rühmen, dank hervorragender Pädagogen und Lehrkräfte durch geistige Freiheit bei gründlicher Bildung ihre Absolventen zu überdurchschnittlichen Leistungen auf allen Gebieten des kulturellen Lebens unserer Heimat befähigt zu haben.
Untrennbar mit der Errichtung und Entwicklung des Hietzinger Gymnasiums verbunden aber erscheint das Wirken des ehem. "Vereines der Freunde des Hietzinger Gymnasiums", das sich seit mehr als 20 Jahren in den Aktivitäten seiner Rechtsnachfolgerin, der "Alt-Hietzinger - Vereinigung ehemaliger Hietzinger Gymnasiasten und der Freunde des Hietzinger Gymnasiums" fortsetzt.

Über die "Geschichtlichen Grundlagen zur Entstehung des 13. Wiener Gemeindebezirkes" hatte in einem "Beitrag zur Heimatkunde Hietzings" der 1967 verstorbene Prof. Dr. Karl Rieger (Matura 1915) im Jahresbericht 1952/53 eingehend referiert. Im 70. Schuljahr 1966/67 hat dann Prof. Dr. Ernst N o w o t n y (Matura 1926) eine genaue geschichtliche Darstellung einer 70jährigen Entwicklung des Hietzinger Gymnasiums verfaßt. Mit seiner gütigen Genehmigung übernehmen wir nachstehend in gekürzter Zusammenfassung seine Ausführungen über die "Geschichte des Hietzinger Gymnasiums von 1897-1967" 1) zur Information aller jener, die seither maturiert und daher diesen Jahresbericht nicht erhalten haben.

Der Lehrkörper - Herbst 1967

1. Reihe: OStR. Keindl, Aigner, Mayer, Weigricht, Paul, Ohme, Hofrat Kriegl,Spindler, Höcker, Jenkner, Aspetsberger-Vavra, Majerotto, Löschel
2. Reihe: Bum, Güttler, Kreczy, Kirchshofer, OStR. Holeschofsky, Peter,Gillinger, Wieser, Vicenzi, Msgr. Beck, OStR. Cerny, Weber, Lederer,OStR. Kriebaum
3. Reihe: Mokry, Haunzwickl, Meesen, Kovacs, Höglinger, Zarl, OStR. Weigert,Matiasek, Wurzinger, Nowotny, Michalicek, Ferster, Dörr, Hassl


"Die Gymnasialzeit, wenn sie auch bei manchen mit unangenehmen Erinnerungen belastet ist, gehört als die mit Recht besungene "goldene Jugendzeit" zu einem Abschnitt des Lebens, an den man gerne zurückdenkt. Die acht Jahre, die wir auf den Schulbänken des Hietzinger Gymnasiums gesessen sind, haben eine weit darüber hinausreichende Bindung mit der Schule, in unserem Fall, dem humanistischen Gymnasium und mit dem dieses repräsentierenden Lehrkörper, mit sich gebracht. Das haben die zahlreichen Beitrittserklärungen zu der neu konstituierten Vereinigung der "Alt-Hietzinger", welche die Tradition des "Vereines der Freunde des Hietzinger Gymnasiums" fortsetzen will, eindeutig bewiesen.

Als ehemaligem Schüler und jetzigem Lehrer der Anstalt ist die mir gestellte Aufgabe, eine Schulgeschichte zu verfassen, im Zuge der Bearbeitung für mich zu einer Herzensangelegenheit geworden, der ich mich mit großer Hingabe gewidmet habe. Meine Darstellung beruht in erster Linie auf schriftlichen Quellen, nämlich den gedruckten Jahresberichten, handschriftlichen Konferenzprotokollen und den Protokollen des Vereines der Freunde des Hietzinger Gymnasiums% weitgehend aber auch auf mündlichen Quellen, d. h. Mitteilungen von ehemaligen Professoren und Schülern, besonders solchen, die beides sind.

Hietzing war vor der Stadterneuerung des Jahres 1890 einer der vielen Vororte im Westen Wiens, die zwischen Feldern und Weingärten eingebettet, ein idyllisches Dasein führten. Durch seine Lage unmittelbar angrenzend an den Schloßpark von Schönbrunn, durch das damals dort befindliche Vergnügungsetablissement "Neue Welt" mit seinen Attraktionen und schließlich das Caffee Dommayer, wo Johann Strauß zum Tanz aufspielte, besaß Hietzing für die Wiener eine große Anziehungskraft, so daß begüterte Bürgerfamilien dort ihre Landvillen zu erbauen begannen. Der am Anfang des 19. Jahrhunderts noch vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung dieser Vororte genügten die aus der Maria-Theresianischen Zeit stammenden Normal- und Trivialschulen von Lainz, Hietzing und Ober-St. Veit, wozu 1845 noch die Schule von UnterSt. Veit hinzukam'). Mit dem starken Zustrom des Großbürgertums im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts entstand jedoch auch das Bedürfnis nach einer Mittelschule. Aber erst durch die 1890 im Zuge der Stadterweiterung erfolgte Bildung des XIII. Wiener Gemeindebezirkes, dem Hietzing, Schönbrunn, Lainz, Speising, Unter- und Ober-St. Veit, Hacking, Hütteldorf, Baumgarten, Breitensee, Penzing und Teile von Mauer und Hadersdorf angehörten, wurde die Basis für die Gründung von Mittelschulen in diesem Bezirk geschaffen, deren erste das Hietzinger Gymnasium werden sollte.

Im Jahre 1881 war bei den Bewohnern der damals noch selbständigen Gemeinde Hietzing der Wunsch nach Errichtung eines Gymnasiums - das nächstgelegene war das Amerlinggymnasium in Mariahilf - so stark geworden, daß über Antrag des Advokaten Dr. Vinzenz Heller sich ein Verein konstituierte, um mit dem k.k. Unterrichtsministerium Verhandlungen zu führen. Die Platzfrage war gelöst durch die Munifizenz des Großhändlers Herrn Karl Preysing, der den erforderlichen Baugrund zwischen Westbahn und Schönbrunn unentgeltlich zur Verfügung zu stellen versprach. Die Besichtigung dieses Bauplatzes durch den damaligen Unterrichtsminister Freiherrn Conrad v. Eybesfeld weckte Hoffnungen auf die baldige Verwirklichung des Planes. Diese wurden leider schwer enttäuscht. Es war nämlich den energischen Bemühungen des Bürgermeisters Ignaz Zelebor des benachbarten Meidling gelungen, mit Beginn des Schuljahres 1883/84 die Eröffnung eines Privat-Communalgymnasiums in Untermeidling durchzusetzen. Damit waren die Chancen des Hietzinger Vereines geschwunden und dieser beschloß, sich wieder aufzulösen.

Erst 1895 wurde der Gedanke zu neuem Leben erweckt, angeregt durch den Erfolg, den damals der Döblinger Gymnasialverein mit der Gründung des Gymnasiums im 19. Bezirk errungen hatte. Dem Hietzinger Bürger Gustav Singer, Prokuristen der Unionsbank, ist es zu danken - sein Name war bis zu seinem Tode mit der Schule aufs engste verbunden und soll nie in Vergessenheit geraten -, daß sich wieder ein Gründungskomitee bildete, das die Statuten für den "Verein zur Gründung eines Gymnasiums im XIII. Bezirke Wiens" ausarbeitete. Diesem von der k.k. n. ö. Statthalterei am 9. August 1895 genehmigten Verein ist es durch sein zähes, durch keinen Rückschlag zu erschütterndes Ringen mit den zuständigen Behörden gelungen, zunächst die Eröffnung des Gymnasiums schon im Schuljahre 1897/98 in einem provisorischen Schulhaus in Penzing und anschließend in sehr schwierigen Verhandlungen den Bau eines großen, schönen Schulgebäudes für ein Staatsgymnasium an der Stelle, wo es heute steht, durchzusetzen.

Die Hauptsorge des Vereins bestand darin, die erforderlichen Geldmittel zu beschaffen, um zunächst die ersten Klassen des Gymnasiums zu finanzieren und die anderen Bedingungen, an welche die Unterrichtsverwaltung mit Rücksicht auf den angespannten Staatshaushalt die Errichtung eines Staatsgymnasiums geknüpft hatte, zu erfüllen. Dem Obmann des Vereines, k.k. Hofrat und Universitätsprofessor Dr. Alfred v. Bergen) und dem Obmannstellvertreter und Schriftführer Herrn Stefan Görgey v. Görgö und Toporz, Bureauchef der Staatseisenbahngesellschaft und dem schon erwähnten Herrn Gustav Singer gelang es, diese Voraussetzungen zu schaffen. Tatsächlich fanden sich auch jetzt wieder generöse Männer, welche das erforderliche Grundstück kostenlos zur Verfügung stellten, die Realitätenbesitzer Julius Frankl und Moritz N. Oppenheim, die über große Flächen des damals noch fast völlig unverbauten Geländes im heutigen Cottageviertels Hietzings verfügten. Sie blieben nicht unbelohnt, da ihre Baugründe durch den Schulbau gewaltig im Werte stiegen. Die Gemeinde Wien unter dem kurz vorher in stürmischen Wahlgängen zum Bürgermeister gewählten Dr. Karl Lueger gewährte großzügig eine Subvention von 10.000 Gulden. Weitere 5.000 Gulden war der Verein in der Lage aus eigenen Mitteln aufzubringen, mit denen die Führung der beiden ersten Klassen finanziert werden sollte. Die Gemeinde Wien erklärte sich bereit, die erforderlichen Räume in einem leerstehenden städtischen Schulgebäude in der Diesterweggasse Nr. 3 zur provisorischen Unterbringung des Gymnasiums gegen einen Rekognitionszins zu überlassen, mit der Auflage, daß der Verein für die Kosten der Adaptierung und Instandsetzung der Räumlichkeiten aufkomme.

Mit Erfüllung dieser Bedingungen schien der Genehmigung zur Errichtung der Schule nichts mehr im Wege zu stehen, als in letzter Minute die Sache noch einmal in Frage gestellt wurde. In den ausgearbeiteten Bauplänen war nämlich die Ausführung eines dritten Stockwerkes vorgesehen, da nur so die notwendigen 12 Klassenzimmer untergebracht werden konnten. In diesem Teil des Bezirkes bestand aber das Bauverbot für ein drittes Stockwerk. Daher hatte das Unterrichtsministerium an die Gemeinde Wien das Ersuchen gerichtet, bei dem Bau des Gymnasiums von diesem Verbot Abstand zu nehmen. Über Antrag des Bürgermeisters Dr. Lueger hatte der Stadtrat tatsächlich seine Einwilligung dazu erteilt, der Gemeinderat jedoch in seiner Sitzung vom 31. August 1897 das Ansuchen des Ministeriums abgelehnt.') Unter diesen Umständen mußte eine Planänderung erfolgen, die ein größeres Grundstück erforderte. In dieser brenzligen Lage gelang es Herrn Stefan v. Görgey mit bemerkenswerter Energie binnen 48 Stunden mit den Nachbarbesitzern wegen Überlassung von zwei Grundstreifen beiderseits um den Preis von 3.000 Gulden einig zu werden. Über diese prekäre finanzielle Situation half dem Verein eine großzügige Spende des Herzogs von Cumberland) im Betrage von 1.000 Gulden und eine Subvention des n.ö. Landtages von 1.500 Gulden hinweg. Auch das Reinerträgnis einer Veranstaltung des Hietzinger Männergesangsvereins im Deutschen Volkstheater, dessen Direktor v. Bukovics Ausschußmitglied des Gymnasialvereins war, floß der Vereinskasse zu.

Nun endlich konnte die Schuleröffnung erfolgen. Der denkwürdige Erlaß (Z1.9542) des k.k. n.ö. Landesschulrates an die Leitung des k.k. Staatsgymnasiums im XIII. Bezirk datiert vom 10. September 1897. "Seine K.u.K. Apostolische Majestät haben mit Allerhöchster Entschließung vom 7. September 1897 vorbehaltlich der verfassungsmäßigen Genehmigung der erforderlichen Mittel die Errichtung eines Staatsgymnasiums im XIII. Wiener Gemeindebezirke vom Schuljahre 1897/98 ab Allergnädigst zu genehmigen geruht." Unmittelbar nach Erteilung der kaiserlichen Sanktion gab der Minister für Kultus und Unterricht Dr. Paul Freiherr von Gautsch v. Frankenthurn durch Erlaß vom 8. September 1897 ZI. 22961 dem k.k. Landesschulrat nähere Weisungen. Das Gymnasium sollte mit zwei Klassen beginnen und sukzessive jährlich um eine Klasse erweitert werden. Zwei wirkliche Lehrstellen wurden der Anstalt verliehen und mit Dr. Isidor Kukutsch, bislang Professor an der Theresianischen Akademie, und Professor Dr. phil. et med. Georg Weinländer vom Staatsgymnasium Krems besetzt. Ersterer wurde mit der provisorischen Leitung der Anstalt betraut. Zusätzlich seien noch einige Supplenten und ein Aushilfsdiener zu bestellen.

Innerhalb von acht Tagen - damals war der 16. September Schulbeginn -. mußte nun der ganze Apparat in Bewegung gesetzt werden, der notwendig ist, um einen geregelten Schulbetrieb durchzuführen: Kundmachung an die Eltern, Aufnahmsprüfungen, Anschaffung der Lehrmittel, Wahl der Lehrbücher, Gewinnung der zusätzlichen Lehrkräfte und vor allem die Instandsetzung und Einrichtung der Lokalitäten. Dies gelang -letzteres dank der werktätigen Unterstützung der Ausschußmitglieder des Gymnasialvereins Herrn Stefan v. Görgey und Gustav Singer. Wir staunen heute, wenn wir lesen, daß tatsächlich am 18. September, nachdem die Aufnahmsprüfungen um 16. und 17. stattgefunden hatten, der Schulbetrieb mit zwei Klassen von zusammen 53 Schülern nach einer kleinen Eröffnungsfeier und nach dem Heiligengeistamt, zelebriert vom Kooperator der Pfarre Hietzing, dem Klosterneuburger Chorherrn Dr. Gustav Pauker, aufgenommen wurde.

Schon am 4. Oktober dieses ersten Schuljahres enthält die Schulchronik eine für uns Heutige interessante Mitteilung: Anläßlich des Namenstages Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef 1. hat der damalige Schüler der 1. Klasse Raoul Aslan das Gedicht "Mein Vaterland" von Hoffmann von Fallersleben deklamiert. Gegen Ende des Schuljahres am 2. Mal 1898 wurde der provisorische Leiter Dr. Isidor Kukutsch zum Direktor der Anstalt ernannt. In den folgenden zwei Schuljahren, die noch in der Diesterweggasse stattfanden, wuchs die Schülerzahl auf 187, und vier neue Professoren wurden bestellt, deren Namen später weit über die Anstalt hinaus bekannt geworden sind. Drei davon waren Altphilologen, Dr. Franz Perschinka und Dr. Franz Kauer, beide später Landesschulinspektoren, und als dritter Dr. Gustav Hemetsberger, der im Jahre 1919 Kukutsch als Direktor am Hietzinger Gymnasium folgte; der vierte war der Historiker Privatdozent Dr. Gustav Turba, der 1911 ordentlicher Professor an der Wiener Universität wurde. Unter den Lehrern der damaligen Freigegenstände ragte der Bürgerschullehrer - später Schulrat - Johann Langer hervor, welcher von 1898 bis 1929 als Musiklehrer an der Schule wirkte und durch großartige musikalische Aufführungen das Hietzinger Gymnasium zu einer besonderen Pflegestätte der österreichischen Musikkultur machte.
Die Namen der vorerwähnten Professoren bürgen dafür, daß die Unterrichtsund Erziehungsarbeit in diesen ersten Jahren der Schule sich auf höchstem Niveau befanden, während die Unterbringung in dem Hause Diesterweggasse 3 in krassem Gegensatz dazu als äußerst dürftig und primitiv zu bezeichnen ist. Um so empörender mußte es daher empfunden werden, daß die Stadtverwaltung für diese Schulräume anstatt des vereinbarten Rekognitionszinses vor) 1 Gulden, 1 Kreuzer durch einen neuen Stadtschulratsbeschluß vom 21. April 1897 eine jährliche Zinszahlung von 600 Gulden auferlegte, die im folgenden Schuljahr für ein weiteres Klassenzimmer auf 720 Gulden erhöht wurde. Die Zahlung wurde daher vom Verein nur unter Rechtsverwahrung geleistet. Mehrere Eingaben wegen Rückerstattung blieben erfolglos.
Aber auch dem Bau des neuen Schulgebäudes in der Fichtnergasse wurden in diesen Jahren Schwierigkeiten bereitet. Der Bezirksausschuß des 13. Bezirkes und die mit diesem in Fühlung stehenden Kreise des niederösterreichischen Landesausschusses und des Wiener Stadtrates begannen sich plötzlich für die Idee zu erwärmen, daß das Gymnasium in dem ehemaligen Vorort Penzing, diesem peripher gelegenen, dicht verbauten, vorzugsweise von Lastfuhrwerken durchzogenen Bezirksteil errichtet werden möge, in welchem zwar wenig Schülermaterial für ein Gymnasium, wohl aber zahlreiche Fabriken, ein Spital, sowie die Pferdeställe der Tramwaygesellschaft zu finden waren, während der gartenreichen Villenzone in Hietzing möglichst groteske Nachteile nachgesagt wurden. Das ist aus einem Bericht der Generalversammlung des Gründervereines vom 6. November 1899 zu entnehmen.

In der phantastisch kurzen Zeit vom 2. Mai bis 30. August 1900 wurde der Neubau vollendet, so daß mit Beginn des Schuljahres 1900/1901 der Unterrichtsbetrieb in der Fichtnergasse aufgenommen werden konnte. Die Übersiedlung aus der Diesterweggasse erfolgte in den Hauptferien, und der Benützungskonsens wurde am 30. August 1900 von der Baubehörde erteilt. Das Gebäude war nach den Plänen von Hofrat Emil Ritter v. Förster, Vorstand des Hochbaudepartements des k.k. Ministeriums des Inneren von der Baufirma Eduard v. Frauenfeld und Berghof unter der Bauleitung des Ingenieurs Emil Artmann auf einem Areal von 3154m2 erbaut worden und bedeckte einen Flächenraum von 1326m2. Es barg im Parterre und den zwei Stockwerken zwölf Klassenzimmer, Turnsaal, Exhortensaal, Säle für Naturgeschichte und Naturlehre und Sammlungen, Physikund Zeichensaal, Direktionskanzlei und Bibliothek, Konferenzzimmer und Sprechzimmer, sowie Direktors- und Schuldienerwohnung. Der nicht verbaute Teil des Baugrundes von 1828m2 wurde zur Anlegung eines Sommernaturplatzes und eines botanischen Gartens benützt. Die Baukosten werden mit 438.000 Knonen angegeben. Das Gebäude war mit einer damals ganz modernen Zentralheizung, einer Niederdruck-Dampf-Luftheizung in Verbindung mit einer Calorifereheizung versehen. Die Beleuchtung erfolgte durch Gas-Auerlicht mit Reflexschirmen und reflektierender Caseindecke.

Die feierliche Schlußsteinlegung und Eröffnung fand am 16. Oktober 1900 statt. Von den hiezu erschienenen illustren Persönlichkeiten seien namentlich genannt: Der damalige Unterrichtsminister Dr. Wilhelm Ritter v. Hartel, der Statthalter von Niederösterreich Erich Graf Kielmansegg, der Vizepräsident des k.k. niederösterreichischen Landesschulrates Dr. Richard Freiherr v. Bienerth und schließlich der Bürgermeister von Wien Dr. Karl Lueger. Dazu kamen zahlreiche Vertreter der Behörden, einige Landesschulinspektoren, Direktoren der Nachbarschulen, die Ausschußmitglieder des Gymnasialvereines, Direktor Kukutsch und die Professoren.'
Der erste Akt der Feier, nämlich die Schlußsteinlegung, vollzog sich im Vestibül der Schule vor der dort aufgestellten Bronzebüste Kaiser Franz Josef I., welche das Werk des Bildhauers A. Brenek war. Beiderseits der Kaiserbüste waren die großen marmornen Gedenktafeln angebracht, die auch jetzt nach dem Umbau, allerdings an anderer Stelle, jeden Eintretenden begrüßen. Ihr Text lautet:

SVMMIS AVSPICIIS
IMPERATORIS CAESARIS
FRANCISCI JOSEPI I I.
PATRIS PATRIAE
AETATIS ANNO LXX REGNORVM LII
HAE AEDES EXSTRVCTAE SVNT
MCM

IVVENI
AMORE PATRIAE
IMBVENDO
CVLTV PIETATIS
HVMANITATIS
LITERARVM
EXORNANDO

Zwei kleine Marmortafeln, die jetzt rechts und links hinter der inneren Glastür sich befinden, überliefern die rühmenswerte Tätigkeit des Gymnasialvereines der Nachwelt. Ihr Text lautet:

Zur
Erinnerung
an den
VII. September
MDCCCXCVII

Der Verein
zur Gründung
Eines Gymnasiums
im XIII. Bezirke
Wiens

Nachdem die offizielle Festgesellschaft in einem Halbkreis Aufstellung genommen hatte, wurde die Gedächtnisurkunde verlesen, dann unter Beigabe des Festprogrammes in einer Kapsel verschlossen in den Schlußstein versenkt und dieser durch den Domkapitular Dr. Ferdinand Wimmer unter Assistenz des Religionsprofessors Dr. Wolfgang Pauker geweiht. Der Schlußstein ruhte zu Füßen der Kaiserbüste und trug die Jahreszahl 1900.

Nach Erreichung seines Zieles, der Fertigstellung des Gymnasialgebäudes, beschloß der "Verein zur Gründung eines Gymnasiums", sich aufzulösen. Das Vereinsvermögen von 4000 Kronen wurde dem Gymnasium zur Unterstützung mittelloser Schüler gewidmet. Bereits am 16. Dezember 1900 konstituierte sich der Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums", dessen erster Obmann Direktor Kukutsch wurde.

Wie sah es nun in den Jahren nach 1900 in der näheren Umgebung unserer Schule aus- Direktor Merinsky (Maturajahrgang 1908) hat dies in einer Rede bei der 50-Jahr-Feier des Gymnasiums in wenigen Sätzen trefflich skizziert, die ich im Folgenden wiedergebe. "Nur wenige Villen waren im Cottage gebaut, das Gymnasium ragte weithin sichtbar hinaus. Dahinter lag der Pole Nord, das Eisparadies der Gymnasiasten, die dort ihre Bogen zogen und die Kunst des Weltmeisters Hügel bewundern durften. Die Hietzinger Hauptstraße war jenseits des Schrankens noch so gut wie unverbaut, von den Mauern der erst kürzlich fertig gestellten Stadtbahn zogen Felder, Wiesen und Acker bis zum Buchenwald des Roten Berges, der damals noch eine Aussichtswarte trug. Dort waren die versteckten Jagdgründe der Jugend ... Die Gemeinden Hietzing, Ober St. Veit und Lainz waren erst kurz zum Stadtgebiet gestoßen. Die Verkehrsmittel waren nicht geschaffen, um diese Dörfer mit dem eigentlichen Wien besonders intensiv zu verbinden. Erst die noch ungewohnte Stadtbahn brachte da Wandel. Bisher hatte der Nestroysche Hietzinger Stellwagen genügt, dem allerdings die Krausesche Dampftramway doch ein Ende bereitete. Diese fuhr dann in halbstündigen Intervallen mit viel Gebimmel die Hietzinger Hauptstraße bergan und bergab."

Wie es in der Schule damals zuging, wollen wir uns von Pater Karlinger S.J. (Maturajahrgang 1905) erzählen lassen. Er schreibt in einem an das Gymnasium gerichteten Brief unter anderem: "Der Unterricht dauerte von 8-12, einmal in der Woche bis 1 Uhr, die Stunde hatte 55 Minuten und die 10 Uhr Pause 10 Minuten, während der wir in den Hügelpark hinausgetrieben wurden. Am Schultor war der Würstelstand des hochangesehenen Schulwartes Gruber ... Gegenstände, wie Musik, Kunstpflege gab es überhaupt nicht, Turnen war im Obergymnasium frei." Von den Lehrern hebt er besonders Direktor Kukutsch hervor, der den Spitznamen Sküs hatte. "Er war gefürchtet aber auch geliebt", so schreibt er, "denn er hatte ein warmes Herz für die Geschicke der Einzelnen. Wir wurden jeden Sonntag paarweise in die Hietzinger Kirche zum Gottesdienst geführt. Direktor Kukutsch, obwohl Protestant, ermunterte uns vorher: "Kinder schön mitbeten bei dem Ave Maria!" Am Samstag nachmittag lud er uns oft ein zu einem Spaziergang auf den Roten Berg oder ins Bräuhaus Liesing . .."

Von 1897 bis zum Jahre 1904, in welchem die erste Matura am Hietzinger Gymnasium stattfand, war die Anstalt naturgemäß im Wachstum begriffen. Der Lehrkörper war von 4 auf 26 Professoren und die Schülerzahl von 59 auf 377 gestiegen. Auf der Unterstufe wurden von nun ab Parallelklassen geführt. Die Schülerzahl stieg bis zum Jahr 1913 auf 491, darunter durchschnittlich 15-20 Privatisten. In den Jahren des ersten Weltkrieges lag die Schülerzahl um 450. Die Zahl der Lehrer betrug seit 1906 durchschnittlich 30.

Auf Grund der Jahresberichte der zwei Dezennien bis 1919, die uns außer den genannten Zahlen im Kapitel "Schulchronik" und einem andern, betitelt "Schulhygiene", interessante Nachrichten aus dem Schulleben vermitteln, gewinnen wir ein sehr positives Bild von dieser Aera.

Sehr beachtlich sind die vielen Nachrichten der Jahresberichte auf dem Gebiete der Musik und der Leibesübungen, da das Unterrichtsfach Turnen erst ab 1914 obligat wurde und Gesang bis 1927 Freigegenstand war. Der Bauunternehmer Julius Frankl, dessen Munifizenz schon einmal Erwähnung fand, stellte dem Gymnasium damals einen großen Spielplatz unentgeltlich zur Verfügung, auf dem am Nachmittag in mehreren Spielgruppen unter Leitung des Turnlehrers und später auch anderer junger Professoren ein reger Spielbetrieb im Barlaufen, Schlagball und Fußball stattfand. Daran beteiligten sich zirka 70 % der Schüler. Der Jahresbericht von 1903 erwähnt ein Schauturnen; das Eislaufen erfuhr durch die Nähe des Eislaufplatzes "Pole Nord" und das Schwimmen im nahen Bad Penzinger-Au großen Zuspruch bei den Gymnasiasten. Es wurden einige Schwimmkurse abgehalten, welche der Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums finanzierte und die Jahresberichte gaben jährlich die Zahl der Freischwimmer bekannt. 1912 begannen Fechtkurse der Schule, an welchen sich mehr als 20 Schüler der Anstalt beteiligten, die bei Wettbewerben mehrmals sowohl Mannschafts- als auch Einzelpreise davontrugen. Fritz Stephensen wurde zum Beispiel 1914 Meister im Florettfechten. 1913 nahmen 18 Schüler an einem Turn- und Sportfest teil und Richard Groß erwarb dabei eine Medaille im Kugelstoßen. Als 1914 der Spielplatz der Bautätigkeit zum Opfer fiel, wurde dank der Bemühungen von Direktor Kukutsch bald ein Ersatz beim Ober-St. Veiter Athletikklub gefunden. Die Leitung der Jugendspiele lag damals in Händen des Wandervogelführers Professor Dr. Fritz Kutschera. Er hielt im Winter auch Skikurse ab, bei denen 50-60 Schüler mitmachten. Leider wurde dieser fähige und beliebte Lehrer eines der ersten Opfer des Weltkrieges an der russischen Front in Galizien.

Was das rege Musikleben an der Schule betrifft, haben wir schon erwähnt, daß es in erster Linie der Persönlichkeit des Bürgerschuldirektors Schulrat Langer zu verdanken war. Die Programme der jährlich stattfindenden Musikaufführungen, wie sie uns die Jahresberichte wiedergeben, zeigen ein hohes Niveau und abwechslungsreiche Gestaltung. Chor und Orchester, Volkslieder, Kunstarien und Soloinstrumente wurden gespielt und gesungen von musikbegabten Schülern, die der Dirigent und Komponist Langer zu begeistern und zu hohen Leistungen anzuspornen verstand. Der Reingewinn dieser Schülerakademien floß dem Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums zu und trug wesentlich dazu bei, dessen wohltätiges Wirken, zu dem auch die Förderung der Musikpflege am Gymnasium gehörte, zu ermöglichen. Schon 1904 war ein Klavier um 5000 Kronen angekauft worden und später wurde eine Reihe von Instrumenten und besonders Noten durch den Verein der Freunde angeschafft.

Dieser Verein, an dessen Spitze Direktor Kukutsch stand, und dessen Leitung die um die Gründung des Gymnasiums verdienten Männer Stefan v. Görgey und Gustav Singer und weitere bedeutende Persönlichkeiten, wie Universitätsprofessor Hofrat Dr. Jakob Schipper, der Burgschauspieler Philipp Stätter, Bildhauer Benk usw. angehörten, sah seine Aufgabe darin, als Freund die gesamte Entwicklung und Ausgestaltung seiner Anstalt teilnahmsvoll und nachhelfend zu verfolgen. Er stellte Beträge für die Anschaffung von Lehrmitteln, die "Bibliotheka pauperurn", für Schulausflüge, den Spielplatz, Eislauf- und Badekarten und besonders für Ferienaufenthalte bedürftiger Schüler und deren Bekleidung zur Verfügung. Zwischen dem Verein und dem Gymnasium bestand eine konstante und sehr enge Verbindung dadurch, daß viele Professoren der Anstalt dem Verein beitraten und wichtige Funktionen übernahmen. Anläßlich der Verleihung des Regierungsrattitels an Direktor Kukutsch im Jahre 1910 wurde vom Verein die Kukutschstiftung in Höhe von 10.000 Kronen beschlossen.

Das Schuljahr 1918/19 brachte in der Geschichte des Hietzinger Gymnasiums einen bedeutenden Einschnitt, nicht nur wegen der nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstandenen schwierigen Situationen unseres Landes, sondern auch deshalb, weil im Lehrkörper größere Veränderungen erfolgten.

Das einschneidendste Ereignis des Schuljahres 1918/19 war jedoch die Pensionierung von Direktor Kukutsch mit 31. Dezember 1918. Er wurde allerdings mit der Weiterführung der Anstalt bis Ende des Schuljahres betraut. Das 2. Semester stand schon ganz im Zeichen des Abschiedes von diesem bedeutenden Schulmann. Zu seinem Geburtstag am 25. April veranstalteten die Oktavaner in Hopfners Parkhotel eine Aufführung der Antigone von Sophokles mit Chören von Mendelsohn. Für die eigentliche Abschiedsfeier wurden vom Verein der Freunde, den Professoren und der Schülerschaft umfassende Vorbereitungen getroffen. Die Feier fand in zwei Teilen am 24. Juni im Parkhotel und am 29. Juni im Festsaal der Anstalt statt, im Anstaltsgebäude wurde ein Marmorrelief des scheidenden Direktors im Stiegenhaus der Schule enthüllt.

Zum Nachfolger von Kukutsch wurde Direktor Dr. Gustav Hemetsberger ernannt. Das Dezennium bis zu seinem Tod, der ihn während seiner Direktionszeit ereilte, war besonders anfangs von dem Elend der Nachkriegszeit beherrscht. Der Verein der Freunde beteilte damals die armen Schüler mit Lebensmitteln. Zu Weihnachten 1920 z. B. erhielten sie 1 kg Schweinefett und 2 Dosen Kondensmilch. "Zwei Juden, die kein Fett nehmen durften, erhielten je 130 Kronen", so steht es im Protokoll der Ausschußsitzung vom 24. März 1920. Aus diesen Aufzeichnungen geht auch hervor, daß Professor Stadlmann in dieser Zeit der enormen Bücherpreise eine große Schulbücheraktion in die Wege leitete. Die Mittel hiefür wurden durch den Verein der Freunde bzw. durch eine kleine Leihgebühr aufgebracht, welche die Schüler erlegen mußten. So gelang es, etwa 60 % aller Schüler mit Lehrbüchern zu versorgen.

Am 7. April 1921 beschloß der Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums die Ergänzung des § 2 seiner Statuten durch den Satz: "Der Verein dient gleichzeitig als Elternvereinigung." Von Professor Fluss geschriebene und hektographierte Zettel forderten die Eltern zum Beitritt auf. Am ersten Elternabend, welchem 150 Eltern beiwohnten, wurde eine Sammlung für Kohlenankauf angeregt, welche die Summe von 2,677.000 Kronen (Inflationszeit!) erbrachte und damit endlich die Heizung des Turnsaales ermöglichte. Vom Jahre 1925 ab, nach der Währungsreform Seipels, nahm der Verein seine alte Tradition wieder auf, arme Schüler zu Weihnachten mit Anzügen zu beschenken, und ab 1928 wurde auch die Ferienaktion nach St. Wolfgang wieder durchgeführt.

Von der Glöckelschen Schulreform, die in dieser Zeit auch auf die Mittelschulen Einfluß zu gewinnen suchte, ist mir erinnerlich, daß wir damals Klassenvertreter wählen mußten und die sogenannte Schulgemeinde konstituiert wurde, wobei als Vertrauenslehrer Professor Stadlmann fungierte. Neu war auch, daß seit 1919 erstmals Mädchen aufgenommen wurden. Ihre Anzahl war aber gering und stieg nie über 30 Schülerinnen. Eine Neuerung, die Professor Fluss im Geographie- und Geschichtsunterricht versuchte, soll nicht unerwähnt bleiben. Er verfaßte ein handgeschriebenes Lehrbuch über "Wirtschafts- und Gesellschaftskunde", bestehend aus 523 hektographierten Seiten, die er an uns Schüler verteilte. Damit wurden Gedanken vorweggenommen, deren Berechtigung heute, 40 Jahre später, durch die Neubenennung dieser Gegenstände mit "Geographie und Wirtschaftskunde" und "Geschichte und Sozialkunde" ihre Bestätigung gefunden hat. Als "Beiwagen" Professor Fluss eng verbunden war der damalige Probelehrer Dr. Karl Rieger. Eine gewisse kindliche Hilflosigkeit uns abgebrühten Obergymnasiasten gegenüber hatte ihm den Spitznamen "Bambino" eingetragen. Professor Pamperl, wie er später allgemein genannt wurde, ist als Original, aber auch als Historiker und Geograph von Format den Schülern mehrerer Jahrzehnte in bleibender Erinnerung.

Im Jahre 1928 wurden die ersten konkreten Schritte zur baulichen Erweiterung der Anstalt unternommen, die wegen der wachsenden Schüler- und Klassenzahl (583 Schüler und 16 Klassen) sich als notwendig erwies. Die Initiative ergriff auch hier der Verein der Freunde, der in einer Ausschußsitzung beschloß, eine Deputation, bestehend aus Hofrat Kukutsch, Dr. Adensamer und Senatsrat Dr. Wanschura, zu den Ministern Kienböck, Schmitz und Vaugoin und dem Abgeordneten Leopold Kunschak zu entsenden. Der Bericht über diese Vorsprache enthält die optimistische Mitteilung, daß im Budget des Jahres 1929 die entsprechenden Mittel bereitgestellt würden. Der Optimismus war jedoch verfrüht. Es floß noch viel Wasser die Donau hinunter, bis die damaligen Pläne heute 1) ihre Verwirklichung fanden.

Im Jahre 1930 verlor das Hietzinger Gymnasium seinen zweiten Direktor, Hofrat Dr. Gustav Hemetsberger. Der Verein der Freunde veranstaltete eine Trauersitzung und beschloß die Stiftung eines Hemetsberger Stipendiums. Mit der provisorischen Leitung der Schule war hierauf in seinem letzten Dienstjahr Professor Dr. Zuchristian betraut. Nach Ablauf dieses Jahres wurde Professor Stadlmann zum Direktor ernannt.

Im Jahre 1933 wurde den zwei verdienstvollsten Männern des Vereines der Freunde des Hietzinger Gymnasiums, Hofrat Kukutsch und Kaiserlichem Rat Singer, die gebührende Ehrung zuteil, indem ihnen das goldene bzw. silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen wurde. Die beiden hochbetagten Männer schieden bald darauf - Singer noch 1933 und Kukutsch 1934 - aus dem Leben. Auf dem Grabe des verehrten Direktors am Hietzinger Friedhof hat die Elternvereinigung im Jahre 1935 ein Bronzemedaillon des Verstorbenen anbringen lassen.

Im Schuljahre 1933/34 war das Hietzinger Gymnasium mit 17 Klassen und 644 Schülern das größte Gymnasium Wiens geworden. Der Verein der Freunde hielt an seiner alten Tradition fest; es wurde in einer Ausschußsitzung die Wiederaufnahme von Schülerkonzerten beantragt, die nach dem Ausscheiden Schulrat Langers aus dem Lehrkörper der Schule im Jahre 1929 ausgesetzt hatten. Am "Tag der Musik" im Jahre 1935 fand wieder eine Schülerakademie statt. In den Vereinsprotokollen ist ferner die Beteilung von 30 Schülern zu Weihnachten 1934 und die Entsendung von 35 Schülern nach St. Wolfgang im Sommer 1935 vermerkt. Besondere Leistungen wies die vom Verein finanzierte Schülerleihbibliothek - ein Werk Stadlmanns - in den Jahren 1933 bis 1936 auf. Sie hatte den Stand von 4649 Büchern - davon 700 Nauanschaffungen erreicht. Es wurden damals 75 % aller Schüler mit Schulbüchern versorgt. Eine große Schulfeier fand am 14. November 1935 im Festsaal der Schule statt, als Kardinal Innitzer die Weihe einer vom Elternverein gestifteten Schulfahne vornahm.

In diesen Jahren innenpolitischer Hochspannung in Österreich stand die Anstalt unter der Leitung von Hofrat Direktor Stadlmann, dessen Ernennung zum Direktor zunächst nicht ganz dem Wunsche des Lehrkörpers entsprochen hatte, der sich aber durch seine konziliante, gütige Art bald beliebt machte. Er war als ein unbeirrbarer katholischer Mann -1920 hatte er den Verein der Christlichen Mittelschullehrer gegründet - bekannt. Er führte die christliche Gruppe im Verband der Mittelschullehrer (V. d. M.) und vertrat die dienstund besoldungsrechtlichen Interessen der Mittelschullehrer in der Gewerkschaft. Die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus im Jahre 1938 führte daher sofort zur Enthebung Stadlmanns. Von einigen der Hitlerjugend angehörenden Schülern soll er mit aufgepflanztem Bajonett aus der Schule eskortiert worden sein. Er wurde eine Zeitlang in Haft genommen und dann mit gekürzten Bezügen zwangspensioniert.

In den Umbruchstagen im März 1938 war im Schulgebäude in der Fichtnergasse die SS-Leibstandarte "Adolf Hitler" einquartiert. Diese entfernte das Altarbild aus dem Exhortensaal und die in der Dollfußära im Vestibül wieder aufgestellte Franz-Josefs-Büste. Die kommissarische Leitung der Schule wurde Oberstudienrat Dr. Karl Aulitzky übertragen, der in der Uniform eines politischen Leiters in der Schule erschien. Nach dem Ausspruch eines Kollegen soll er aber ein weißer Rabe gewesen sein und seine Hand schützend über die Lehrer, die nicht Parteigenossen waren, gehalten haben. Man behauptet, das habe ihm im letzten Kriegsjahr die Einberufung zum Volkssturm eingetragen. Er geriet in russische Kriegsgefangenschaft und gilt als vermißt.

Das Hietzinger Gymnasium war mit Einführung der reichsdeutschen Schulordnung zu einer Oberschule für Jungen geworden, also zu einer reinen Knabenschule, was aber kaum auffiel, da seit der Direktionsführung Hofrat Stadlmanns keine Mädchen mehr aufgenommen worden waren und ihre Zahl auf 8 Oktavanerinnen abgesunken war. Der Unterricht ging zuerst im wesentlichen in den alten Bahnen eines humanistischen Gymnasiums vor sich, wofür ja der nicht stark veränderte Lehrkörper die Gewähr bot. Die Schülerschaft wurde durch eine Anzahl von Seminaristen aus Hollabrunn vermehrt, die nach Aufhebung des dortigen Knabenseminars in das bischöfliche Gebäude in OberSt. Veit übersiedelt waren. Im ganzen aber sank die Schülerzahl zwischen 1938 und 1945 von 562 auf 369 Schüler ab, was wohl mit dem geringen Ansehen der humanistischen Bildung in dieser Zeit zusammenhängt. Bei der Durchsicht der Hauptkataloge dieser Jahre stieß ich auf einige interessante Fakten. Im Schuljahr 1943/44 führte die Anstalt 4 sechste Klassen. Es handelte sich dabei uni Luftwaffenhelfer-HJ-Klassen, die bei Flakstellungen untergebracht waren und unterrichtlich von dahin beorderten Lehrern betreut wurden. Ferner weist die Lehrerliste erstmalig 4 weibliche Lehrkräfte auf. Der Mangel an Lehrern



wurde 1944/45 so groß, daß in mehreren Klassen einige Gegenstände nicht unterrichtet werden konnten. Besonders grotesk mutet es an, daß eine Turnlehrerin (Liselotte Gradnitzer) an einer reinen Knabenschule den Turnunterricht erteilen mußte. Im letzten Kriegsjahr waren die Schüler der Gymnasien des 18. und 19. Bezirks, deren Schulen als Lazarette dienten, dem Hietzinger Gymnasium zugewiesen. Der Unterricht war durch häufige Fliegeralarme am Vormittag gestört. Schüler, Lehrer und zahlreiche Bewohner der Nachbarschaft fanden sich in den Kellerräumen der Anstalt zusammen. Das Schulhaus ist glücklicherweise von Bombentreffern verschont geblieben, nur die schönen, farbigen Fenster des Festsaales sind durch den Luftdruck in der Nähe erfolgter Bombeneinschläge zerstört worden. Im Februar 1945 wurde der Unterricht dann sistiert

Nach dem Einmarsch der Russen in Wien war das Gymnasium von diesen belegt. Daß damals in dieser "schrecklichen, kaiserlosen Zeit wie Hofrat Stadlmann später in seiner Rede zur 50-Jahr-Feier sagte, die wertvollen Sammlungen und die Bibliothek gerettet werden konnten, ist der Umsicht und Tapferkeit der Frau Schulwart Preinfalk zu verdanken.

Nach längerer Unterbrechung konnte der Unterricht erst am 3. Juli 1945 wieder aufgenommen werden; er fand in der Nachbarschule in der Wenzgasse statt. Die Leitung lag in Händen von Professor Mitter, der den Titel "provisorischer Sachwalter" führte. Im Herbst, nachdem mit dem Abzug der Russen aus dem 13. Bezirk - dieser wurde englische Zone - das Gymnasialgebäude frei geworden war, wurde der Unterricht im neuen Schuljahr schon in der Fichtnergasse begonnen. Das Schulgebäude mußte allerdings halbtägig der vorübergehend obdachlosen Realschule der Astgasse zur Verfügung gestellt werden, so daß Wechselunterricht stattfand. Am 8. November 1945 begrüßte der provisorische Sachwalter Professor Mitter den zurückgekehrten und in sein altes Amt wieder eingesetzten Hofrat Stadlmann im Rahmen einer Lehrerkonferenz und versicherte ihn der treuen Mitarbeit der 15 Lehrer, die Anfang des Schuljahres zur Verfügung standen. Erst im Laufe des Jahres 1946 wuchs der Lehrkörper durch Rückkehr alter Lehrkräfte (Professor Netroufal und Rickert) und Zuweisung neuer auf 24 Personen an. Von Dezember 1945 bis März 1946 entfiel wegen Mangel an Heizmaterial der Unterricht. Um diesem Übelstand für den nächsten Winter abzuhelfen, wurde über Vorschlag und unter Leitung des Religionsprofessors Dr. Beck die sogenannte PAKO-Aktion durchgeführt. Große Fichtenbestände der Steiermark in der Nähe von Wildalpen waren von Schädlingen befallen worden. Die Forstverwaltung, bemüht, diese so rasch als möglich durch Fällen der Bäume einzudämmen, bot freiwilligen Arbeitskräften pro Festmester Holz einen Gutschein auf 1000 kg Kohle. Das Holz wurde ins Ausland zur Papiererzeugung verkauft (PAKO = Papier -Kohle). 35 Schüler der Oberstufe mit Professor Beck arbeiteten 14 Tage und bewirkten damit, daß im folgenden Winter die beiden Schulen in der Fichtnergasse und Wenzgasse geheizt werden konnten.

Am 16. Dezember 1947 erfolgte die Neukonstituierung des Vereines der Freunde des Hietzinger Gymnasiums, der in der nationalsozialistischen Zeit lahmgelegt war. Als neuer Obmann wurde Direktor Hofrat Stadlmann gewählt.

Am 8. Mai 1948 fand die etwas verspätete Feier zum fünfzigjährigen Bestehen der Schule statt, zu der etwa 400 Personen erschienen, darunter viele ehemalige Schüler.

Am 12. und 13. Mai 1948 folgten der 50-Jahr-Feier zwei Abende mit der Aufführung des Nestroystückes "Nur keck" und am 5. und 6. November spielte die 8. Klasse den "Eulenspiegel" von Nestroy, Zu Weihnachten 1949 erlebten die Professoren, die Witwen der verstorbenen Lehrer und die Schulangestellten eine freudige Überraschung. Der ehemalige Schüler Hans Altmann (Maturajahrgang 1933), der sich schon 1948 mit einer großen Zuckerspende eingestellt hatte, ließ diesen aus den Vereinigten Staaten je 3 1/2m Kleiderstoff bester Qualität als Geschenk zugehen.

Am Ende des Jahres 1949 trat Direktor Hofrat Stadlmann in den Ruhestand. Er behielt, wie seinerzeit Kukutsch, die Obmannstelle des Vereines der Freunde und damit Kontakt mit der Schule. Sein Nachfolger als Leiter der Schule wurde Professor Eugen Mitter, der in seinem letzten Dienstjahr stand und dem der Titel Direktor verliehen wurde.

Nach der Pensionierung Mitters, Ende 1950, wurde Professor Friedrich H e g e r zum Direktor des Hietzinger Gymnasiums ernannt. Er begann seine Direktionstätigkeit mit einigen Neuerungen. Nach fast 20 Jahren wurden wieder Mädchen am Hietzinger Gymnasium aufgenommen, und zwar eine erste Vollmädchenklasse mit 37 Schülerinnen. Am 24. Oktober 1951 wurde die "Schulgemeinde" wieder gegründet, Klassensprecher gewählt und Professor Burn zum Vertrauenslehrer erkoren. Besonders dankenswert ist, daß Direktor Heger die vom Verein der Freunde schon 1949 erfolgte Anregung zur Wiederherausgabe von gedruckten Jahresberichten aufgriff. Nach der langen Unterbrechung von 32 Jahren erschienen nun wieder regelmäßig Jahresberichte.

Am 1. April 1958 hat der Tod Hofrat Heger mitten aus seiner Tätigkeit gerissen. Nach kurzer provisorischer Leitung durch den Senior des Lehrkörpers Professor Hubert Richter wurde mit Beginn des Schuljahres 1958/59 Dr. Hans K r i e g 1 zum Direktor ernannt.

Im Schuljahr 1959/60 erfolgte zum erstenmal die Verleihung vom Verein der Freunde gestifteter Goldnadeln an Maturanten, welche alle Klassen mit sehr gutem Erfolg absolviert und die Matura mit Auszeichnung bestanden haben. Im Jahre 1962 stiftete der Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums anläßlich des 80. Geburtstages Hofrat Stadlmanns einen Stadlmannfonds, aus welchem in den folgenden Jahren jeweils 5 Schüler mit einem Betrag von 500 Schilling beteilt werden konnten. Hofrat Stadlmann wurde zum Ehrenvorsitzenden des Vereines erhoben, zum Obmann Direktor Merinsky und zum Obmannstellvertreter Direktor Kriegl gewählt. Am 8. August 1964 ist Hofrat Stadlmann im Alter von 83 Jahren gestorben.
Im gleichen Sommer, in welchem der Mann starb, der schon 1929 begonnen hatte, sich für die bauliche Erweiterung der Schule einzusetzen, wurde endlich mit dem Um- und Ausbau der Schule begonnen. Diese Bauarbeiten nahmen mehr Zeit in Anspruch als der Neubau vor 70 Jahren. Es war eine böse Zeit für Schüler und Lehrer, und manche Fächer, wie Leibeserziehung, Kunsterziehung und Musik hatten am meisten zu leiden; sie wurden aber durch besonders schöne Räumlichkeiten, die ihnen jetzt zur Verfügung stehen, entschädigt." - Soweit die chronologischen Darlegungen - etwas gekürzt - unseres Kollegen und Freundes Prof. Ernst Nowotny (Matura 1926).

Das 70jährige Jubiläum der Schule, das mit der Fertigstellung des aufgestockten und neu instandgesetzten Schulgebäudes zeitlich zusammentraf, wurde bei einem "Allgemeinen Absolvententreffen" am 17. Juni 1967 in einem Festakt unter Teilnahme des Lehrkörpers und der noch lebenden ehemaligen Professoren gefeiert. Als der Präsident der "Alt-Hietzinger", Sektionschef Dr. Ludwig W o h 1 g e m u t h (Matura 1923 b), in seiner Festansprache auch den Spitznamen von Prof. Dr. Gustav Rickert - " W u s c h i " -nannte, erhob sich minutenlanger Jubel - es waren über 600 ehemalige Schüler im Festsaal, auf den Gängen und in den Klassen versammelt. "Wuschi", der von 1916 bis 1956, also 40 Jahre, am Gymnasium. Mathematik, Physik und Chemie unterrichtet hatte, gehörte wohl zu den beliebtesten und unvergessenen Pädagogen unserer Schule. -Am 6. November 1967 folgte der offizielle Festakt anläßlich der Übergabe des umgebauten Schulhauses in Anwesenheit der Bundesminister für Bauten und Technik Dr. Vinzenz Kotzina und für Unterricht Dr. Theodor Piffl-Percevic, der die Festansprache hielt.

Neben dem schulischen Alltag kam auch das gesellschaftliche Leben am Hietzinger Gymnasium nicht zu kurz. Bereits in den 20er Jahren bildete sich aus Kollegen des Maturajahrganges 1925 (u. a. Kurt Elich, Erich Falnbigl, Erwin Heinz, Franz Pennerstorfer, Viktor Weinzetl, Emil Wohlgemuth) eine Gemeinschaft, die im Zusammenwirken mit jungen Damen der Wenzgasse unter der Bezeichnung "H.G.C." (= Hietzinger Gesellschafts-Circle) die ersten Bälle im damaligen Hotel Hopfner, dem heutigen Parkhotel, mit großem Erfolg veranstaltete. Gemeinsam mit den nachfolgenden Maturajahrgängen 1928 (Fritz Adensamer), 1929 (Edwin Cymral, Anton Rolleder) und 1930 (Walter Jaksch, Herbert Margaretha, Georg Sääf-Norden) haben dann diese Kollegen und Freunde unter der neuen Bezeichnung "Hietzinger Ball" - unterbrochen lediglich durch 13 Kriegs- und Nachkriegsjahre - alljährlich diese großen Feste der Hietzinger Höheren Schulen organisiert. Der "Hietzinger Ball" - seit 1969 "Ball der Alt-Hietzinger" - ist im Jubiläumsjahr 1987 zum 46. Male abgehalten worden. Die Reinerträge dieser gesellschaftlichen Veranstaltungen werden von den "Alt-Hietzingern" direkt und indirekt den Schülerinnen und Schülern zugewendet.

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges und in der Besatzungszeit hatte der "Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums" einen Tiefstand an Mitgliedern erreicht, mitbedingt infolge Dezimierung der Maturajahrgänge zwischen 1935 und 1945 durch Kriegsopfer jeder Art -ein hoher Prozentsatz von Schülern bestand auch aus jüdischen Kollegen, die ihr Leben verloren oder ins Ausland flüchten mußten. So entschlossen sich 1966 Absolventen der verschiedensten Jahrgänge, die die Wiederaufnahme des "Hietzinger Balles" durchgeführt und diesem zu neuem Ansehen und Erfolg verholfen hatten, den bestehenden "Verein der Freunde des Hietzinger Gymnasiums" mit geringfügigen Satzungsänderungen nach dem Vorbild der "Alt-Schotten", "Alt-Kalksburger" und "Theresianisten" in eine Absolventenvereinigung umzuwandeln. Die von einem Proponentenkomitee einberufene Versammlung am 14. Oktober 1966 von Vertretern aller Maturajahrgänge konnte über 100 Kolleginnen und Kollegen begrüßen. Mit Begeisterung wurde die Idee aufgenommen. Binnen Jahresfrist war die Organisation geschaffen. Der Mitgliederstand hatte sich inzwischen auf rund 400 Mitglieder verdreifacht. Die "Alt-Hietzinger-Vereinigung ehemaliger Hietzinger Gymnasiasten und der Freunde des Hietzinger Gymnasiums" umfaßt heute trotz erheblicher Ausfälle durch den Tod von Mitgliedern der älteren Jahrgänge über 1300 Mitglieder. Sie ist damit eine der größten derartigen Vereinigungen Österreichs. Ihre Zielsetzungen beruhen nach § 2 ihrer Statuten in der "Zusammenfassung aller ehemaligen Hietzinger Gymnasiasten zur Erfüllung caritativer, sozialer, kultureller, sportlicher und geselliger Aufgaben im Sinne des humanistischen Bildungszieles, insbesondere zur dauernden Förderung der Schüler des Hietzinger Gymnasiums sowie zur Unterstützung der Mitglieder der Vereinigung". Die dauernde Verbindung der "AltHietzinger" mit dem Gymnasium erscheint dadurch gewahrt, daß zu den Organen der Vereinigung der jeweilige Direktor des Hietzinger Gymnasiums gehört.

Mit Dezember 1968 trat in der Direktion der Anstalt ein Wechsel ein: Hofrat Direktor Dr. Hans Kriegl, der seit 1. September 1958 die Schule geleitet hatte, wurde als Ministerialrat in das Bundesministerium für Unterricht berufen. Leider verstarb er allzu früh mit 56 Jahren schon am 19. Februar 1971 nach schwerem Leiden.

Mehr als ein Jahr leitete dann interimistisch Oberstudienrat Mag. Friedrich W e i g e r t , Mitglied der "Alt-Hietzinger", die Schule, an der er seit 1950 als Professor tätig gewesen war. Mit Jahresbeginn 1970 trat Hofrat Dr. Hans H ö 1 t 1 sein Amt als Direktor des Hietzinger Gymnasiums an. Während seiner Amtszeit bis zu seiner Pensionierung mit Ablauf des Jahres 1978 gehörte auch er dem Vorstand der "Alt-Hietzinger" an und gewann zu dessen Mitgliedern viele freundschaftliche Kontakte. Die Zeit seiner Tätigkeit als Direktor fiel zusammen mit der Neuordnung des Schulbetriebes nach Inkrafttreten des Schulunterrichtsgesetzes. Ein zentrales Anliegen sowohl des Elternvereines als auch unserer Vereinigung fand durch Dr. Höltl ungeteilte Unterstützung: Im Gegensatz zu den Bestrebungen zur Einführung der sog. "Integrierten Gesamtschule" trat er für die Beibehaltung der Langform der Allgemeinbildenden Höheren Schulen, also der traditionellen Ausbildung der Jugend an den Gymnasien und Realgymnasien ein. In einer gemeinsamen Aussendung der beiden Vereine am Hietzinger Gymnasium - Elternverein und "Alt-Hietzinger" - an die maßgebenden Ministerien, Behörden und die Mitglieder der Schulreform-Kommission vom 12. März 1971 wurde gefordert, daß


"1 die Langform der Allgemeinbildenden Höheren Schulen auch im Rahmen
der geplanten Schulreform erhalten bleiben soll;
2. das Entscheidungsrecht der Eltern über die Schulbildung ihrer Kinder unverändert bestehen bleiben soll;
3. die beabsichtigten Schulversuche in keinem solchen Ausmaß durchgeführt werden sollten, daß bei erkannten Mängeln eine Änderung oder Rückkehr unmöglich ist; die Jugend ist zu wertvoll, um mit ihr in größerem Umfang zu experimentieren;
4. nur bei Nebeneinanderbestehen der projektierten Gesamtschule und der Allgemeinbildenden Höheren Schule in ihrer derzeit bestehenden Langform einerseits das freie demokratische Wahlrecht der Eltern zwischen diesen beiden Schultypen gewahrt bleibt, andererseits eine objektive Beurteilung der Erfolge der einen oder der anderen Schultype möglich ist;
5. Maßnahmen einer Schulreform erst dann realisiert werden, wenn die notwendigen Voraussetzungen (Bildungskonzept, Lehrkräfte, Schulgebäude, Lehrmittel) vorhanden sind."

Zwei Jubiläen feierte die Schule unter Direktor Dr. Höltl: 1972 die 75-JahrFeier mit einem Festakt in der Schule und einem Festbankett der "Alt-Hietzinger" am Abend des 23. März 1972 im Parkhotel Schönbrunn. Unser Mitglied, Freund und Kollege Erich A d 1 e r (Matura 1930), der zu dieser Feier aus Amerika nach Wien gekommen war, ergriff das Wort und schrieb dann in einem Brief, abgedruckt im Jahresbericht 1971/72, u. a., daß er "es einzig und allein der humanistischen, vollkommen unpraktischen, dem Alltag fernstehenden gymnasialen Ausbildung verdanke, daß ich in einem fremden Land ohne Kenntnis der Landessprache sehr rasch festen Fuß fassen und zu Erfolg und Wohlstand kommen konnte. Ich danke dem Schicksal, daß es mir vergönnt war, ein österreichisches Gymnasium zu absolvieren, und daß ich lernte, wenigstens durchschnittliche Leistungen auch in jenen Fächern zu erbringen, für die ich weder Neigung noch Interesse hatte. Die hohen Anforderungen des österreichischen Gymnasiums zwangen dazu, diese Fähigkeit und Selbstdisziplin zu entwickeln, und das Leben hat mir oft und oft abgefordert, was ich auf diese Art erworben hatte. - . . . für jede Zukunft gewappnet ist der Mensch, der in den entwicklungsfähigen Jahren seines Lebens nicht verleitet wird, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, sondern der gezwungen wird, Schwierigkeiten zu überwinden, seine Willenskraft zu schulen und Selbstdisziplin zu üben."

Es folgte 1977 die 80-Jahr-Feier, für die Direktor Dr. Höltl am 11. Juni 1977 unter Teilnahme der Maturanten des Jahres einen Festakt in der Schule veranstaltete, der dann bei einem "Heurigen" für alle Mitglieder der Vereinigung und die Maturanten in der "Alten Schmiede" in Guntramsdorf - Fahrt mit Sonderzug der Straßenbahn bzw. der Badener Lokalbahn ausklang.

Als Hofrat Dr. Hans Höltl als Direktor von unserer Schule Abschied genommen hatte, übernahm unser Mitglied, Freund und Kollege OStR. Mag. Herben G i 11 i n g e r (Matura 1933 a) die interimistische Leitung. Im Jahresbericht 1978/79 hat er seinen Gefühlen hiebei beredten Ausdruck gegeben, wenn er schrieb: "Es ist der unbestreitbare und bis auf weiteres wohl unaufhaltsame Niveauverlust unseres Schulwesens im allgemeinen und damit auch in der Fichtnergasse. Alle Befürchtungen, welche etwa ich selbst im Jahresbericht 1971/72 (Je sème à tout vent - Ich säe bei jedem Wind) und Herr Hofrat Dr. Höltl im Geleitwort des Jahresberichtes 1977/78 Jn eigener Sache" ausgesprochen haben, haben sich erfüllt. Noch niemals wurde in Österreich so viel Geld für das Schulwesen ausgegeben, und noch nie war der Erfolg so deprimierend." Nach mehr als 25jähriger Tätigkeit als Lehrer am Bundesgymnasium Wien XI wurde anfangs Juni 1978 OStR. Mag. Harald M a j d a n zum Direktor des Hietzinger Gymnasiums berufen. Er hatte zunächst durch die Überfüllung der Schule mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Schülerzahl war im Schuljahr 1980/81 auf über 900 angestiegen. Es galt, die Platzfrage zu lösen, um den Widrigkeiten, die ein Ausweichen von einzelnen Klassen in eine andere Schule - Glöckel-Schule in der Veitingergasse - mit sich gebracht hätte, zu begegnen. Mit Hilfe seines umsichtigen Administrators, unseres Mitgliedes, Sportreferenten, Freundes und Kollegen, OStR. Mag. Wilfried M e e s e n (Matura 1943 a) gelang es dank der Einsicht der Elternschaft, durch Vorverlegung des Unterrichtsbeginnes diese Schwierigkeiten zu überwinden. Auch während Direktor Majdan's Amtszeit beging unsere Schule ein Jubiläum: Die 85-JahrFeier des Hietzinger Gymnasiums gestaltete Direktor Majdan zu einer Festwoche "Schule einmal anders". Sie umfaßte eine Reihe von kulturellen Veranstaltungen, eine Ausstellung über die historische Entwicklung des Hietzinger Gymnasiums und die Vereinigung der Alt-Hietzinger und am 17. und 18. Mai 1982 im Festsaal eine Aufführung der "Fichtnerbühne" des Theaterstückes unseres Mitgliedes, Freundes und Kollegen Reinhard T r a m o n t a n a (Matura 1968 a) "Die homerische Frage - eine Geschichte ohne Bildung" unter der bewährten Regie des Geschäftsführenden Vizepräsidenten der Vereinigung, Hofrat Univ.-Prof. Dr. med. Werner M i c h a l i c a (Matura 1941 a).

Direktor Majdan hat in einem Artikel im Jahresbericht 1982/83 "Unsere Schule gestern und heute" 1) die außerordentlichen Wandlungen aufgezeigt, die dasWeltbild der Schüler jenen Vorstellungen gegenüber grundlegend verändert haben, wie sie etwa noch vor dem 1. Weltkrieg für die Jugend galten. Dieser Wandel kommt auch im Wandel und in der Bezeichnung der Unterrichtsfächer zum Ausdruck. Majdan weist auf Belastungen hin, die es in früheren Jahrzehnten nicht oder noch nicht in solchem Umfang wie heute für die heranwachsende Jugend gegeben hat: Änderungen in der Familienstruktur, ja familiäre Probleme überhaupt, die Hektik unserer Zeit und nicht zuletzt die Reizüberflutung, der unsere Schüler ausgesetzt sind. - In seine Amtszeit fiel der Besuch von Erzbischof Dr. Stickler, Rom (Matura 1931 b), am 28. Mai 1984, Leiter der Bibliothek des Vatikan, der Pfingsten 1985 in den Kardinalsrang erhoben wurde; Sr. Ein. Univ.-Prof. Dr. Alfons M. Kardinal S t i c k 1 e r ist bei diesem Anlaß die Ehrenmitgliedschaft der Vereinigung verliehen worden. Eine von Prof. Gerhard Weißenbacher kunstvoll gestaltete Urkunde wurde "unserem" Kardinal von einer Delegation, bestehend aus je einem Vertreter des Lehrkörpers und des Vorstandes der "Alt-Hietzinger", in einer Sonderaudienz im Vatikan überreicht. Direktor Majdan hat dieses Ereignis allerdings leider nicht mehr erlebt. Am 27. März 1985 erlag er im 62. Lebensjahr stehend anläßlich einer Historikertagung in Graz völlig unerwartet einem Herzinfarkt. Schüler, Lehrer, Eltern und vor allem auch die Alt-Hietzinger, denen er als Vorstandsmitglied alle Möglichkeiten ihres Wirkens im Interesse von Schülern und Schule geboten hatte, hatten mit ihm einen treuen Freund verloren. Im Nachruf an seinem Grabe unter Teilnahme von Lehrern, Schülern und AltHietzingern verlieh der Obmann des Elternvereins, unser Vorstandsmitglied Arch. Dipl.-Ing. Herbert P u r s c h k e (Matura 1956) dieser Tatsache auch namens der Vereinigung in bewegenden Worten Ausdruck.

Die provisorische Leitung des Gymnasiums übernahm als rangältester Lehrer OStR. Prof. Mag. Friedrich N o v o p a c k y noch im März 1985. Er hat diese Funktion bis Jahresende ausgeübt. Gleichzeitig war er statutengemäß Organ der Vereinigung der Alt-Hietzinger geworden. Es entwickelte sich in kurzer Zeit ein herzliches Vertrauensverhältnis zwischen ihm und unseren Vorstandsmitgliedern. Heute zählt Friedrich Novopacky zu den Förderern unserer Vereinigung.

Leider hat uns fast zur gleichen Zeit auch mit Rechtsanwalt Dr. Christoph S u c h o m e 1 (Matura 1940 b) ein Gründungs- und Vorstandsmitglied nach langem, schweren Leiden verlassen. Wir "Alt-Hietzinger" beklagen mit seinem Ableben einen unersetzlichen Verlust. Christoph Suchomel war viele Jahre unser Geschäftsführender Vizepräsident. Er hat uns "Alt-Hietzingern" seine Hingabe an die Sache, seinen juristischen Rat, seinen unverwüstlichen Humor und seine organisatorischen und schauspielerischen Talente in uneigennützigster Weise gewidmet. Sein Name wird mit unserer Vereinigung immer verbunden bleiben. An dieser Stelle sei seiner Witwe, Frau G e r t r u d S u c h o m e l -übrigens Absolventin der "Wenzgasse" und in dieser Eigenschaft auch Mitglied unserer Vereinigung - für ihre Arbeiten an dieser Chronik herzlich gedankt. Ein erheblicher Teil dieser und der nachfolgenden Daten fußt auf ihren eingehenden und genauen Aufzeichnungen, an denen teilweise ihr Mann, unser unvergessener "Stoffl", noch mitwirken konnte.

Seit Beginn des Jahres 1986 wird - erstmals in seiner Geschichte - das Hietzinger Gymnasium von einer Frau als Direktorin geleitet: Mag. Elfriede J i s c h a. Der Umstand, daß kurze Zeit nach ihrer Amtsübernahme unser Sportreferent und langjähriger Administrator des Gymnasiums, Prof. OStR. Mag. Wilfried Meesen (Matura 1943 a) in den Ruhestand trat, stellte Frau Dir. Jischa vor die schwierige Aufgabe, einen neuen Administrator einzuweisen. In Prof. Mag. Franz Donner - ebenfalls seit vielen Jahren Förderer unserer Ver einigung - fand sich ein umsichtiger und erfahrener Pädagoge für diese ver
antwortungsvolle Tätigkeit. Bei der Neu- und Umorganisation in der Verwaltung konnte Frau Direktor Mag. Jischa alle Erfahrungen aus ihrer früheren Tätigkeit als langjährige Administratorin im Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Wien XIV hiebei wirksam einbringen. Wenn sie im letzten Jahresbericht in "Eine Direktorin stellt sich vor" unseren jungen Menschen "die drei grundsätzlichen Zugänge zur Welterläuterung ' ... "Religion - Kunst wissenschaft" kennenzulernen empfohlen hat, setzt sie damit die Tradition des Hietzinger Gymnasiums eindrucksvoll fort*
in ihre Amtszeit fällt im laufenden Schuljahr das 90jährige Jubiläum der Schule. An der Gestaltung der für den 3. und 4. April 1987 anberaumten Festlichkeiten hat - wie dem Festprogramm zu entnehmen ist - unsere Direktorin maßgeblichen Anteil.
Seit 1966/67 decken sich auf Grund des Zusammenwirkens mit der Schulgemeinde auf vielen Gebieten die Aktivitäten der Schule mit denen der AltHietzinger.

Der Lehrkörper im Schuljahr 1986/87

Die Professoren v. links n. rechts
4. Reihe: Hajner-Liebl, Maresch, Neumeister, Sturma, Schernberger, Holzinger, Wagner, G. Weissenbacher, Vilim, Jonasch, Dräxler, Mayer, Weihs, Fexer, Fingerlos, Ikonomu, Baumgartner, Schnlidtbauer, Lhotzky, Mühl
3. Reihe: Reiter, Scharmitzer, Ketzer, Kleedorfer, Hecher, Klebl, Hauschka, I. Weissenbacher, Schmied, Wittrich, Paul, Mayr, Söllner
2. Reihe: Schmidt, Zocek, Peroutka, Wedam, Krause, Faast, Schönegger, Stifter, Kadan, Schattner, Beran, Schmutzer, Fahringer, Riedinger, Derdak, Steier, Bauer
1. Reihe: Heinrich, Zechmeister, Acobian, Prosl, Zembsch, Donner, Frau Dir. Jischa, Seltenreich, Brasseur, Hofbauer, Jenkner, Podiwinsky, Rothe, Werner, Giebner

Dr.iur. Ewald Kleisinger

Last update 2017-02-01
© 2001-2017

Optimiert für IE 6
1024x768